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Ein Lächeln ist keine Einladung

Ein Lächeln ist keine Einladung published on 4 Kommentare zu Ein Lächeln ist keine Einladung

wegwarteUnsere Gastautorin erlebte vor einigen Wochen einen sexualisierten Übergriff in ihrer Wohnung. Sie wollte ihre Geschichte aufschreiben und veröffentlichen und wir wollen ihr hier – anonym – die Möglichkeit dazu geben.

[TW: sexualisierte Gewalt (auch gegen Kinder)]

Ich habe lange gezögert, mich an die Tastatur zu setzen und meine Geschichte aufzuschreiben. Ich wollte es direkt tun, nachdem sie sich ereignet hat, aber es hat mich einfach viel Überwindung gekostet. Ich bin eine 32-jährige Schwarze Frau, habe ein schulpflichtiges Kind und lebe in einer deutschen Großstadt. Wichtig zum Erfassen meiner Geschichte ist, dass ich heute nicht vom ersten Übergriff berichte, der mir passiert ist. Ich habe schon als Kind Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht. Ich wurde mit sieben Jahren missbraucht, mit 12 das erste Mal vergewaltigt – wohlgemerkt von zwei unterschiedlichen Tätern.

Als ich 18 war, habe ich das erste Mal angezeigt. Ich ging an einem kalten Winterabend, nachdem ich wieder Nächte durchgeweint hatte, in unserer Stadt zur Polizei und habe dort alles erzählt. Ich habe mich damals so befreit gefühlt und mich innerlich auf einen Gerichtsprozess vorbereitet. Ich habe gedacht, dass jetzt alles besser wird, aber… Es passierte zunächst neun Jahre und ein paar Monate gar nichts! Später erfuhr ich, dass der damalige Staatsanwalt wohl Mist gebaut habe.
Ich versuchte in der Zwischenzeit ein normales Leben zu führen, habe geheiratet und ein Kind bekommen. Als meine Tochter dann ein paar Monate alt war, kam plötzlich ein Schreiben der neuen Staatsanwältin, denn es kam doch noch zur Verhandlung. Es gab sogar ein Urteil: „schuldig“. Ich habe eine Therapie begonnen und abgeschlossen und dachte das Thema endlich zu den Akten legen zu können.

Jetzt, wieder ein paar Jahre später, ereignete sich Folgendes: Ich hatte Internetprobleme, rief meinen Provider an und wartete den Besuch der Handwerker ab. Ein älterer und ein etwas jüngerer Mann wurden mir als Techniker nach hause geschickt. Angesagt waren sie für 18 Uhr, aber sie kamen erst um 21 Uhr und fingen an zu arbeiten. Ich bot ihnen Kaffee an, es war ja schon so spät und ich wollte höflich sein. Sie haben ihre Arbeit gemacht und ich habe ein wenig „Smalltalk“ gehalten.
Gegen Ende der Arbeit stand ich mit dem älteren Herren allein im Flur. Unvermittelt fing dieser Mann an, mich zu bedrängen. Ich war völlig perplex. Er versuchte, mich zu küssen und ich konnte mich gerade noch so entwinden. Ich war wie erstarrt bis beide Handwerker 15 Minuten später meine Wohnung verließen. Ich schloss meine Wohnungstür, immer noch wie erstarrt. Ich weinte. Ich weinte zwei Tage lang, ich sprach nicht mit meinem Freund und ich ließ meine beste Freundin nicht zu mir kommen. Zwei Tage lang fühlte ich mich wie gefroren. Dann ging ich zur Polizei und ich habe wieder angezeigt. Nach der Anzeigenaufnahme musste zur Kriminalpolizei und dort nochmal alles schilderten.

Ich habe versucht alles richtig zu machen, denn ich weiß, dass ein Mensch, der sowas einmal tut, es wieder tun könnte oder vielleicht schon öfter gemacht hat.
Mir ist der Gedanke, dass schon wieder jemand meine innere Grenze so weit überschritten hat, einfach zuwider. Für mich war und ist das die Hölle. Ich wurde innerhalb von Sekunden wieder zu einem Opfer gemacht und der Druck, der jahrelang auf mir lastete und den ich überwunden glaubte, war auf einmal wieder da. Und das nur, weil ein Mann meine Freundlichkeit als Einladung gesehen hat.

Letzte Woche kam der Brief vom Staatsanwalt. Es wird trotz Anzeige keine Anklage erhoben, weil keine Zeugen vorhanden seien und ich die Tat deshalb ja nicht beweisen könne. Welch ein Hohn! Ich bin immer noch sprachlos und mir fehlen die Worte, meine Gefühle, meine Hilflosigkeit und mein andauerndes Fallen richtig beschreiben zu können. Ich weiß, dass ich mich verraten fühle von einer Gesellschaft, die jemanden, der in mein Haus kommt und mir zu nahe tritt, auch noch vor Strafe schützt.

4 Kommentare

Hallo liebe Autorin,

erst einmal möchte ich dir von Herzen mein Mitgefühl aussprechen. Und dir ebenso von Herzen danken, dass Du Deine Worte hier nieder geschrieben hast.
Lesen wir von sexuellem Missbrauch, gehen wir oft gleich von einer Vergewaltigung aus. Doch Dein Missbrauch war oberfläch gesehen gar nicht so weitgehend. Und dennoch hat er ebenso tiefe Wunden in Deinem Inneren hinterlassen. Sich das begreiflich zu machen, ist sehr wichtig.

Es ist sehr traurig, dass Du von behördlicher Sicht keine Hilfe zu erwarten hast. Und diesen Fehlschlag nun auch noch verarbeiten musst.
Ich persönlich empfehle Dir (sogar dringend), dass Du Selbstverteidigung lernst. Beispielsweise Wing Tsun. Das ist eine Kampfsportart, die sehr passiv arbeitet und die Kraft des Gegners gegen ihn anwendet, ohne dass Du ihn bewusst verletzt.
Ein Nebeneffekt ist, dass Dein Selbstvertrauen und Dein Selbstbewusstsein gestärkt wird. Du strahlst das dauerhaft aus. Ein potentieller Täter wird von solch einer Ausstrahlung eher abgeschreckt. Sollte es dennoch wieder zu einem Angriff auf Deine Person kommen, warum und wie auch immer, läufst Du nicht so schnell Gefahr, in Schockstarre zu verfallen. Du hast bessere Chancen allein mit einer selbstbewussten Backpfeife solche Gestalten deutlich in ihre Schranken zu weisen.

Ich schreibe Dir dies als jemand, der ca. 10 Jahre seines Lebens gemobbt und verprügelt wurde. Mir wurde auch nicht geglaubt. Ich habe jedoch gelernt, jemand zu sein. Ich habe Respekt vor anderen, egal ob Frau oder Mann und ich habe Respekt vor mir. Ich bin wertvoll. Und indem ich mir das immer wieder sage (was ich auch erst mühevoll lernen musste), gewinne ich genug Macht, für mich einzustehen.

Ich wünsche Dir alle Kraft die Du brauchst und die Weisheit, Deine Möglichkeiten zu erkennen.

Fühle dich herzlichst umarmt.
Felis

Hallo Felis,

Ich persönlich möchte noch zu bedenken geben, dass es nicht die Lösung sein kann, dass wir uns verteidigen müssen – das zeigt eigentlich nur die Verfahrenheit und Absurdität des Zustands.
Leider weiß ich auch von Menschen, die Kampfsport machen und sich in ähnlichen Situationen trotzdem nicht verteidigen konnten – Schockstarre kann eben trotzdem einsetzen, wenn persönliche Grenzen so massiv überschritten werden und ich würde den Fall hier als massive Grenzüberschreitung betrachten.

Danke für deinen Kommentar – ich werde die Autorin aufmerksam machen, dass ihr jemand für sie kommentiert hat.
FP

An die Autorin: Vielen Dank für diesen Bericht. Auch wenn es mir schwer gefallen ist ihn zu lesen. Ich wünsche alles Gute. Zwei Mal eine Anzeige zu wagen – Respekt.

Zum Thema Selbstverteidigung: Ich hatte drei verschiedene Selbstverteidigungskurse gemacht und es hat mir dann doch nichts genutzt. Im privaten Umfeld war ich einfach nicht im „Ich bin bereit mich jederzeit zu verteidigen.“ Modus und hab es auch einfach nicht verstanden was da gerade passiert. Selbstverteidigungskurse sind schon gut, aber sie helfen nicht immer.

„Ich weiß, dass ich mich verraten fühle von einer Gesellschaft, die jemanden, der in mein Haus kommt und mir zu nahe tritt, auch noch vor Strafe schützt.“

Es ist hart, wenn Schuldige nicht bestraft werden. Und mich graust es bei dem Gedanken, dass besagter Mann vielleicht weiter Frauen bedrängt …
Die Gesellschaft will keine Schuldigen beschützen. Ich kenne einen Staatsanwalt – und der hat regelmäßig den Fall, dass er wirklich _glaubt_, dass der Angeklagte schuldig ist – aber für Freispruch plädieren muss, weil die Beweise nicht ausreichen.
Es gibt leider keine sicher funktionierenden Lügendetektoren. Daher gibt es in unserer Gesellschaft nur zwei Möglichkeiten: Entweder werden sehr viele Schuldige freigesprochen [im Zweifel für den Angeklagten] oder sehr viele Unschuldige werden verurteilt [im Zweifel für den Kläger]. Man hat sich für ersteres entschieden …

Das hilft vermutlich nicht weiter im Zorn, im Frust. Aber die Staatsanwaltschaft hätte sich wahrscheinlich auch gewünscht, dass sie den Mann hätten verurteilen können. Auch für Polizisten, Staatsanwälte, Richter ist frustrierend – nur ist bisher niemandem ein System eingefallen, was besser funktioniert. „Die Gesellschaft“ würde es gern besser machen – sie weiß nur einfach nicht, wie.

Ich wünsche dir alles Gute, dass dir Belästigungen in Zukunft erspart bleiben.

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