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Hegemoniale Männlichkeit (Teil 2) – Oder: Gewalt gegen Frauen hat System

Hegemoniale Männlichkeit (Teil 2) – Oder: Gewalt gegen Frauen hat System published on 4 Kommentare zu Hegemoniale Männlichkeit (Teil 2) – Oder: Gewalt gegen Frauen hat System

Vergangenen Samstag erschoss ein Amokläufer in Santa Barbara/Kalifornien sechs Menschen und verletzte einige schwer. Als nach der Bluttat deutlich wurde, dass das Motiv Misogynie eine wichtige Rolle dabei spielte (unter anderem hatte der Schütze ein 140seitiges Manifest über seinen Frauenhass verfasst), wurde auf Twitter angeregt, unter dem Hashtag #yesallwomen bedrohliche Erfahrungen bzw. Gewalterfahrungen von Frauen* zu sammeln: „Let’s discuss what „not all men“ might do, but women must fear.“ (Näheres über den Amoklauf und den Hashtag gibt es auf kleinerdrei zu lesen).

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Genau dieser Satz ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Verständnis von strukturellem Sexismus und hegemonialer Männlichkeit¹, wobei Frauen per se weniger als eigenständige Menschen und eher als Objekte bzw. Trophäen gesehen werden. Denn wie wird die Hegemonie (Vorrangstellung) von Männern* (bevorzugt von WHMs; näheres dazu im 1. Teil) aufrechterhalten? Zum einen dadurch, dass Männern* Autorität zugesprochen und Frauen* ebendiese abgesprochen wird; dies geschieht unter anderem auch, indem die Sexismus-Erfahrungen von Frauen kleingeredet werden. Zum anderen wird der Status Quo durch optionale Androhung und Anwendung von Gewalt gegen Frauen aufrecht erhalten.

Und genau hier liegt der Knackpunkt: Sicher schlagen, vergewaltigen und töten nicht alle Männer* Frauen* – aber alle Frauen* – yesallwomen – müssen mit einem Gefühl der ständigen Bedrohung leben. Fast jeder Mann* ist somit für fast jede Frau* mindestens ein potenzieller Vergewaltiger. Oder einer, der nicht einschreitet, wenn du sexuell belästigt oder vergewaltigt wirst. Weil du das ja vermutlich provoziert hast. Durch dein Aussehen. Deine Kleidung. Dadurch, dass du eine Frau* bist.

Zusätzlich zu der Angst vor einer solchen Gewalttat kommt die Angst dazu, was danach kommt: Es wird angezweifelt werden, dass an dir überhaupt eine Gewalttat verübt worden ist. Es ist unklar, ob der Täter überhaupt verurteilt wird – weil du ja eine Mitschuld trägst, dass er dich überhaupt angegriffen hat. Und du überhaupt in seine Wohnung gegangen, in sein Auto eingestiegen, in die Disco/zum Joggen/zu deinem Arbeitsplatz gegangen bist. Oder weil zwar erwiesenermaßen eine Vergewaltigung stattgefunden hat, aber du dich nicht (ausreichend) gewehrt hast. Allein dass du da bist, gilt schon als Einladung, mindestens über deine Zeit oder – im schlimmsten Fall – deinen Körper zu verfügen. Zurückweisung ist unerwünscht.

Im Gegenzug werden schon jungen Mädchen* Unterwerfungsgesten etc. anerzogen, um ihr Gegenüber bloß nicht zu reizen – also auch in unangenehmen Situationen immer nett lächeln, den Kopf schief legen und Interesse signalisieren. Ein fataler Fehler, denn gerade Mädchen* und Frauen*, die sehr schüchtern und unbeholfen wirken, werden oft angegangen, weil der Täter hier keine Gegenwehr erwartet. (Näheres zum Thema und warum Männer* sich schwer tun, ihre Grenzüberschreitungen zu bemerken: Why men can’t see)

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Und alle Männer* – auch die, die das gar nicht so wollen – profitieren von diesem Machtgefälle, weil Frauen* schon dankbar sind, wenn ihr männliches Gegenüber sich an die Grundregeln menschlichen Beisammenseins hält, ausnahmsweise keine sexistischen Bemerkungen macht und nicht übergriffig wird. Schon das Ausbleiben eines solchen Benehmens wird als Verdienst des Mannes* bewertet. Im Gegensatz dazu gibt es genügend Männer*, die Frauen* schlagen, vergewaltigen und töten, wenn diese von dem Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper Gebrauch machen und keinen Sex/keine Beziehung (mehr) haben wollen. (Diese Tumblr-Page sammelt Berichte über Morde an Frauen*: When Women Refuse)

Der Amoklauf von Santa Barbara ist somit leider kein Einzelfall und nicht die Tat eines einzelnen „Verrückten“², sondern das Ergebnis einer Gesellschaft, die Jungen* und Männer* in dem Glauben erzieht, Frauen* und deren Körper bzw. Sexualität müssten ihnen zur Verfügung stehen.

„Men are afraid that women will laugh at them. Women are afraid that men will kill them.“ (Margaret Atwood)

¹ Der Ausdruck „Hegemoniale Männlichkeit“ wird statt dem Begriff Patriarchat in den wissenschaftlichen Diskursen der Men’s Studies verwendet, da letzterer als zu undifferenziert eingestuft wird. Es geht nicht einfach um eine Vorherrschaft der Männer, sondern um die Privilegien bestimmter Formen von Männlichkeit, die nicht nur der Weiblichkeit per se, sondern auch anderen Formen von Männlichkeit als überlegen gelten. Soziale Strukturen wie class und race müssen neben dem Geschlecht ebenso beachtet werden. Abgeleitet ist das Konzept vom Hegemoniebegriff Antonio Gramscis, der diesen für Klassenbeziehungen entwickelt hatte.

² Zum einen ist noch nicht wirklich erwiesen, dass der Amokläufer überhaupt psychisch krank war – zum anderen bedeutet es nicht, dass psychisch Kranke automatisch keine Kontrolle mehr über ihr Tun haben. Wie bereits im Fall des Amokläufers Breivik in Norwegen ist die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit einer Mörders eine sehr heikle.

4 Kommentare

Danke! Ich habe in den letzten Tagen einen Workshop geleitet, in dem Männer kritisch über Männlichkeit reflektiert haben. Dabei kam mehrfach ein Punkt auf, den ich hier auch mal nennen möchte: viele Männer machen die Erfahrung, dass sie sich zwar kognitiv diese Machtverhältnisse bewusst machen und sie ablehnen, aber sie sich immer wieder dabei ertappen, wie sie dann doch sexistisch denken oder handeln. Während große Einigkeit bestand, dass es keine besonderer Erwähnung bedarf, kein Arschloch zu sein und man dafür keine moralischen Gummipunkte bekommen sollte, so erfordert es dennoch die Aufwendung von enormen kognitiven Resourcen, das von der Gesellschaft angelernte Verhalten zu hinterfragen und sich zu ändern.

Insofern: ja, das Ausbleiben eines solchen Benehmens *ist* vielleicht ein Verdienst von manchen Männern. Ich denke es hilft der Debatte nicht, wenn Männern vermittelt wird, dass kein-Arschloch-sein sie bereits zu Engelsgestalten macht. Aber man sollte auch nicht den Aufwand wegreden, wenn man sich wünscht, dass Männer diesen Aufwand treiben, sich Mühe geben, sich anstrengen gegen die ihnen zugedachte Rolle.

@Natanji
Danke für deinen Beitrag. Sicherlich ist es so, dass es einen enormen kognitiven und auch emotionalen Aufwand bedeutet, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden und gegen Stereotype anzukämpfen. Aber diesem Aufwand sind nicht nur Männer ausgeliefert, denn wir alle sind mit verschiedensten Stereotypen – und nicht nur Geschlechterstereotypen – aufgewachsen, haben die verinnerlicht.

Und es bedeutet für viele eine enorme Anstrengung, gegen den Mainstream leben zu müssen/zu wollen, weil eins für sich einen anderen Weg eingeschlagen hat, dafür aber immer Gefahr läuft, von anderen angefeindet zu werden. Und hier kommt Erziehung, Schule, Medienkritik ins Spiel: Nur wenn sich Stereotype schon von Anfang an schwer bilden können, bereits Kinder und junge Menschen zum Hinterfragen angeregt werden, können sie (hoffentlich) beseitigt werden.

Ich wäre auch froh, wenn ich nicht so viel Müll beigebracht bekommen hätte, gegen den ich hätte andenken müssen – und es war richtig harte Arbeit. Insofern habe ich vollstes Verständnis für Menschen, die sich gerade in diesem Prozess des Erkennens und des Umdenkens befinden.

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