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Armut, Angst und Aufstiegslügen – (Über)leben im System

Armut, Angst und Aufstiegslügen – (Über)leben im System published on 45 Kommentare zu Armut, Angst und Aufstiegslügen – (Über)leben im System

Schild: Bitte nach hinten durchgehen

Im Frühling 2014 habe ich meinen Master gemacht, wenige Monate vor meinem 25. Geburtstag. Auf meinem Abschlusszeugnis steht eine 1 vor dem Komma. Seit meinen Großeltern bin ich die erste, die einen Studienabschluss hat und die erste von uns, die einen in Deutschland gemacht hat. Für sowas wie Stolz ist weder Zeit noch Raum. Ich arbeite schon seit dem Studium selbstständig, aber kann davon nicht leben und habe deswegen das zweifelhafte Vergnügen mit dem Jobcenter. Das ist nicht mein erstes Zusammentreffen mit Hartz IV, ich bin damit aufgewachsen.
Ich habe schon vor zwei Jahren darüber geschrieben, wie es ist, als Tochter aus einer Hartz IV-Familie aufs Gymnasium und zur Uni zu gehen. Am Ende meines Artikels schrieb ich damals, dass bei mir die Angst, nach dem Studium in Hartz IV zu fallen, vermutlich größer ist als bei anderen. Hartz IV traumatisiert. Menschen haben derzeit zwar Anrecht auf Existenz, aber nicht auf lebenswerte Existenz. Welche Folgen das Aufwachsen mit zu wenig Geld und unter staatlicher Überwachung hatte, kann ich an mir selbst sehr gut sehen: Armut macht krank. Ich suche erst seit Herbst einen Job, aber habe jetzt schon schlaflose Nächte und niedergeschlagene Tage, wie sonst oft Langzeitarbeitslose.

Der Gedanke, dass an mir ein Makel klebt, verfolgt mich. Expert*innen sprechen davon, dass Armut vererbt wird – was, wenn sie recht haben? “Einmal Hartz IV – immer Hartz IV”, mit diesem Satz wird Roland Merten, Professor für Sozialpädagogik, beim Deutschlandfunk zitiert. Die Familienverhältnisse, die hier beschrieben werden, haben nichts mit meinen zu tun. Ich bin gefördert und motiviert worden wo es nur ging und sehr liebevoll aufgewachsen. Ich möchte mich hier nicht von etwas abgrenzen, ich möchte aber erwähnen, wie einseitig das dargestellte Bild von “der Unterschicht” ist. Es wird viel über “Problemfamilien” geschrieben – aber wenig über die Probleme der Familien. Stattdessen dürfen wir in der FAZ lesen, dass Spitzenverdienende mit 10.000 € brutto im Monat sich nicht als reich empfinden und unter schlaflosen Nächten leiden, weil jemand ihren Fitnessraum ausräumen könnte. In bin weder hausrat- noch unfallversichert, falls die Waschmaschine meine Küche überfluten sollte, habe ich ein ausgewachsenes Problem.

Nur nicht aus der Reihe tanzen

Ich habe eine Kindheit in Armut verbracht und ja, es macht mich wütend, dass es Leute gibt, die darüber weinen, nicht zu wissen, wie sie ihr Geld ausgeben sollen. Und ja, ich bin neidisch, dass andere Menschen sich nicht erst eine neue Jeans kaufen, wenn die alte ein Loch hat. Weniger Privilegienblindheit bei denen, die mehr haben als nur ein knappes Auskommen, wäre wirklich wünschenswert. Wenn ich lese, dass gerade in Armut aufwachsenden Schüler*innen pauschal Bequemlichkeit unterstellt wird, packt mich die Wut. Dass wir alles erreichen können, wenn wir uns nur anstrengen, ist eine These, die sich schon längst als Lüge entpuppt hat. Was mir und ganz sicher vielen anderen in meiner Situation fehlt, ist nicht der Wille – es sind Netzwerke, Wissen über soziale Codes und positive Erfahrungen. Diskriminierungen aufgrund von Klasse, Hautfarbe und Geschlecht nehmen viel Raum ein in meinen Kindheitserinnerungen. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht wehren kann, denn meine Erfahrungen haben keinen Wert, mein Wort hat kein Gewicht und im Zweifel sitze ich immer am kürzeren Hebel.

Ich musste schon als Schülerin in der Oberstufe regelmäßig zur Kreisverwaltung meiner Heimatstadt und nachweisen, dass es sich “lohnt”, dass ich das Abitur mache. Schwänzen und schlechte Noten waren verboten, denn dann hätte ich meine Eingliederungsvereinbarung nicht erfüllt und das Jobcenter hätte uns nahe gelegt, mich von der Schule zu nehmen. Den kleinen Durchhänger, den viele Jugendliche in dem Alter haben, konnte ich mir schlicht nicht leisten.
Mir fehlt jegliches Vertrauen in staatliche Institutionen. Bei jedem Brief, in dem meine Uni mich bloß auf den nächsten Blutspendetermin hinweisen wollte, befürchtete ich, meine Exmatrikulation in den Händen zu halten, weil das Rektorat sich nun entschieden habe, ich verdiene doch keinen Studienplatz. Wenn ich meine Steuererklärung mache, habe ich jedes Mal Angst, mir wird mein winziger Zuverdienst weggenommen, weil ich irgendeinen Paragraphen übersehen habe. Das hat zur Folge, dass ich Expertin im Verstehen und Ausfüllen jeglicher Formulare, sehr ordentlich, überorganisiert und überpünktlich bin. Was andere mir wahlweise als tolle Jobqualifikationen oder Strebsamkeit auslegen, ist in Wahrheit der tiefsitzende Druck, nicht gut genug zu sein und Fehler zu machen, die weitreichende Konsequenzen zu haben. Ich weiß, dass ich immer auf das Schlimmste vorbereitet sein muss und auf keinen Fall den Eindruck erwecken darf, ich sei faul. Während meine Mitschüler*innen beim Schulaustausch waren, habe ich Nachhilfe gegeben und das verdiente Geld in Bücher investiert. Meine Bildung war mein Kapital und die einzige Möglichkeit an noch mehr Bildung zu kommen.

Nichts fordern, nichts erwarten

Ich habe keine Ahnung, wie andere Leute berufliche Netzwerke knüpfen und wie ich mich auf Veranstaltungen verhalten soll, auf denen Leute mit Sektglas in der Hand herumstehen. Es ist mir auch peinlich, das zuzugeben. Ich hab ja nicht mal was anzuziehen für solche Anlässe. Ein Symptom des Imposter-Syndroms, unter dem besonders Frauen zu leiden haben, ist die Angst, dass andere erkennen, man selbst könne im Grunde nichts und habe sich Erfolge nur erschlichen. Wenn sich zu dieser Angst dann die Erfahrung Armut gesellt, fühlt eine*r sich schnell überall wie ein Fremdkörper. Die Selbstverständlichkeit, mit der andere ihren Teil vom Kuchen fordern, ist mir völlig fremd. Vermutlich habe ich hier am meisten Nachholbedarf, denn mir stand noch nie mehr zu als ein Minimum. Ich habe nie gelernt, mein Können als solches zu erkennen und mich zu verkaufen. Meine Vorstellungen von Luxus sind eine 10er-Karte fürs Schwimmbad und ein zweites Paar Sommerschuhe. Nicht die besten Voraussetzungen für Gehaltsverhandlungen.

Ich bleibe zurückhaltend und fordere nichts, denn die Angst, das Wenige, was ich zum Überleben habe, auch noch zu verlieren, ist groß. Wenn du arm bist, zerrinnt dir das Geld zwischen den Fingern, aber auch Menschen wenden sich von dir ab, wenn du am sozialen Geschehen nicht teilnehmen kannst. Ich habe gelernt, mich anzupassen, mit den kleinsten Mitteln dafür zu sorgen, andere meine Armut nicht spüren zu lassen, weil anderen meine Armut unangenehm ist und ich möchte nicht, dass Leute sich meinetwegen schlecht fühlen. Ich kann mich durchschlagen und auch wenn ich nicht weiß, wovon ich meinen Kühlschrank füllen soll, allen das Gefühl geben, dass alles in bester Ordnung ist und es kein Problem ist, zum Geburtstagsgeschenk der Freundin was beizutragen.

Ich bleibe cool. Ich kann nicht ständig zusammenbrechen.

Ein Gedicht: Glücksgefühl

Ein Gedicht: Glücksgefühl published on Keine Kommentare zu Ein Gedicht: Glücksgefühl

Sie redet nicht gern mit den Schmuddelkindern,
ganz schmutzig und hässlich sind die.
Erst wenn sie sich gewaschen haben,
erst dann beachtet sie sie.

Die Themen von den Schmuddelkindern,
das sind ja ihre so garnicht.
Armut, Arbeit, Angst und Wut,
dabei ruht sie so glücklich in sich!

Die wütenden, tobenden Schmuddelkinder,
mit denen mag sie nicht streiten.
Die haben gar keine Argumente,
die haben nur ihr Leiden.

Nur manchmal denkt sie an die Schmuddelkinder,
und bedauert die armen ein Stück!
Zum Bedauern, da muss man nichts ändern,
vor allem sich selbst nicht, zum Glück.

Coming Out

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„Es ist mir doch egal, was die Leute daheim im Bett machen, das geht doch niemanden etwas an! Als wenn das heute noch so eine große Sache wäre.“

Wenn Heterosexuelle über Homosexualität diskutieren, kommt dieses Statement. Immer. Und vor allem kommt es bei jedem Coming Out von Prominenten. Meistens ist es nett gemeint. Hilft aber nichts, denn es ist falsch. Sowas von falsch!

Angst

Es geht nicht darum, was wir im Bett machen. Es geht darum, was wir draußen machen. Für uns geht es darum, dass die Öffentlichkeit vermintes Gelände ist. Ein falscher Schritt, eine falsche Geste und dir fliegt dein Leben um die Ohren. Also Vorsicht. Immer. Pass auf, worüber du sprichst, wenn Leute zuhören könnten. Komm bloß nicht auf die Idee, im falschen Moment nach der Hand deines Lieblingsmenschen zu greifen. Jemand könnte es sehen und herumerzählen. Pass dich an. Fall nicht auf. Mach dich unsichtbar.

Das mag jetzt seltsam klingen, übertrieben, vielleicht sogar paranoid. Um unsere Angst zu verstehen, muss man wissen, wo und wann wir aufgewachsen sind. Wir kommen vom Dorf. Aus Bayern. Als Kinder bekamen wir die AIDS-Hysterie der 80er mit, ohne sie zu verstehen. Wir schnappten hie und da ein paar Begriffe auf. Schwulenkrankheit. Lustseuche. Meldepflicht. Absonderung. Wer sich die Details geben will, kann unter anderem hier nachlesen.

Mit uns hatte das damals alles nichts zu tun, aber es bestimmte den Kontext, in dem Homosexualität wahrgenommen wurde – auch von uns. Es war abartig, krank, gefährlich und vor allem weit weg. Dann kamen die 90er. Walter Sedlmayr wurde ermordet und längst nicht alle hatten Mitleid mit ihm. Freddy Mercury starb und wurde auf MTV betrauert. Das Konzert ihm zu Ehren sahen wir gemeinsam. Zwei beste Freundinnen.

Unsichtbarkeit

Zwei Jahre später kamen wir zusammen. Nach außen hin blieben wir beste Freundinnen. Wir haben nie auf der Straße Händchen gehalten. Wir haben uns nie in der Öffentlichkeit geküsst. Wir lernten, aus den Augenwinkeln zu kontrollieren, ob alle Türen und Fenster geschlossen waren.

Uns blieben unsere Gefühle lange fremd. Es gab weder Vorbilder noch Worte, um unsere Beziehung zu definieren. Homosexualität fand damals vor allem in nachmittäglichen Talk-Shows statt, in denen alles „Unnormale“ in einen Topf geworfen wurde. Schräge Vögel schrien einander an. Eine einzige Freak-Show. Uns betraf das nicht, zumindest redeten wir uns das ein. Wir lebten von Tag zu Tag und nutzten jede Chance, um zusammen zu sein. Wir begannen uns von anderen abzuschotten, um die gemeinsame Zeit auszudehnen. Nach außen hin galten wir als Spätentwickler, weil wir uns nicht für Jungs interessierten. In diese Nische flüchteten wir uns. Die Tage wurden zu Jahren und wir wuchsen zusammen. Was blieb, war die Angst. Angst davor, aufzufliegen. Angst, die Nischen zu verlieren, die wir uns geschaffen hatten. Diese Angst hat sich tief in uns eingefressen.

Machtdemonstrationen

Inzwischen sind wir seit 20 Jahren zusammen. Wir kümmern uns um einander, stärken uns gegenseitig und teilen unser Geld. Wir gehen gemeinsam durchs Leben. Wir lieben einander. Wir kämpfen für einander. Gesetzlichen Schutz haben wir nicht.

Nein, die sogenannte „Homo-Ehe“ ist keine richtige Ehe. Jeder kleine Krümel an Rechten muss juristisch erkämpft werden. An manchen Tagen fühlt es sich an wie Fortschritt. An den meisten Tagen ist es nichts anderes als eine Machtdemonstration. Jeder einzelne Prozess, der um ein wenig Gleichberechtigung geführt werden muss, ist im Grunde eine Machtdemonstration derer, die uns nicht die gleichen Rechte zugestehen wollen, die sie selbst in Anspruch nehmen. Sie geben uns dadurch zu verstehen, dass sie unsere Liebe für minderwertig halten. Unsere Beziehung für unreif. Und uns für falsch.

Sie zeigen uns das jeden Tag. Nicht nur in den Nachrichten. Sie zeigen es uns in Filmen und Fernsehserien, wenn Figuren explizit darauf hinweisen, dass sie nicht schwul sind. Sie zeigen es uns dadurch, dass es für homosexuelle Figuren kein Happy End gibt, weil sie im Laufe der Handlung ermordet werden. Oder dadurch, dass Menschen wie wir einfach nicht vorkommen. Das ist so gut wie immer der Fall und gilt dann als normal.

Sichtbarkeit

Darum ist es so wichtig, wenn Prominente ein öffentliches Coming Out haben. Menschen, die nicht von klischeeverliebten Drehbuchschreibern (die männliche Form ist hier bewusst gewählt) erfunden wurden, sondern Teil der Gesellschaft sind.

Bei einem Coming Out geht es nicht um sexuelle Vorlieben. Es geht darum, dass homosexuelle Menschen sich in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Und vor allem geht es darum, dass Homosexuelle Vorbilder bekommen.

Mut

Filme und Serien sind voller männlicher, heterosexueller Helden, mit denen männliche, heterosexuelle Menschen sich identifizieren können. Ironischerweise sind männliche Heterosexuelle gerade die gesellschaftliche Gruppe, die für ihr alltägliches Handeln am wenigsten Heldenhaftigkeit benötigt. Den Mut brauchen die anderen. Diejenigen, die in der medialen Repräsentation so gut wie nie vorkommen. Den Mut brauchen wir.

Es braucht Mut, jeden Tag zur Schule oder zur Arbeit zu gehen und die offene Homophobie von LehrerInnen, MitschülerInnen oder KollegInnen auszuhalten. Es braucht Mut, im Kreise der Familie bei jedem Gespräch abzuwägen, wie viel Wahrheit die eigenen Eltern heute vertragen können. Es braucht Mut, den geliebten Menschen in der Öffentlichkeit zu küssen und die Blicke zu ignorieren.

Wir brauchen Mut für tausend kleine Handlungen. Für den ganz normalen Alltag. Denn anders als für Prominente ist es für uns nicht damit getan, einmal öffentlich zu erklären, dass wir homosexuell sind. Unser Coming Out findet täglich statt. Bei jedem Kuss im Restaurant. Bei jedem Händchenhalten auf der Straße. Bei jeder neuen Arbeitsstelle. Ein Leben lang. Es braucht Mut, sich jeden Tag wieder sichtbar zu machen.

Bei einem Coming Out geht es nicht darum, was Menschen im Bett machen.Es geht um Sichtbarkeit. Es geht darum, Raum für sich und sein Leben einzufordern. Und das ist eine verdammt große Sache.

 

Ein Gemeinschaftstext von Wildfang und Bones

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