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„Cybermobbing“ unter Jugendlichen und die allgemeine Ratlosigkeit

„Cybermobbing“ unter Jugendlichen und die allgemeine Ratlosigkeit published on 8 Kommentare zu „Cybermobbing“ unter Jugendlichen und die allgemeine Ratlosigkeit

Internet

Mit „Cybermobbing“ wird gemeinhin Mobbing unter Schüler*innen bezeichnet, das online stattfindet. Manchmal ist auch Mobbing unter Erwachsenen mitgemeint, wobei hier oft nicht ausreichend von Hate Speech, Stalking oder anderen Straftaten abgegrenzt wird. Seit einigen Jahren nimmt die Berichterstattung zu Internetmobbing an Schulen (gefühlt) zu. Meistens werden die Geschichten der Opfer erzählt – was gut ist – doch auch wenn versucht wird, Auswege aus der Gewalt zu finden, Auswege aus der Gewalt aufzuzeigen, werden nur die Leidtragenden angesprochen. So ist es auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift des Deutschen Frauenrats, die ich hier herausgreife, die aber keinesfalls einen Einzelfall darstellt.

Unter dem Artikel findet sich ein Kästchen mit Tipps: „Was tun bei Cybermobbing?“. Gleich der erste Ratschlag ist, dass Opfer so wenig wie möglich Privates von sich online stellen sollen. Dieser Satz ist als Ratschlag absolut unbrauchbar, denn er sagt vor allem eines aus: Du bist Schuld, wenn Menschen dich bedrohnen oder beleidigen, denn du hast falsch gehandelt! Das ist Victim Blaming. Menschen müssen so viel oder so wenig über sich preisgeben dürfen, wie sie möchten – verwerflich oder gar strafbar ist, was Täter*innen mit dem Wissen tun, das sie erwerben.

Und was ist in Zeiten von sozialen Netzwerken denn „zu viel Privates“? Alle Menschen (bei Weitem nicht nur Jugendliche!) müssen den Umgang mit dem Internet lernen und verstehen, was mit ihren Daten passieren kann. Die Schlussfolgerung kann aber nicht sein, nichts mehr online zu stellen. Angstmacherei ist keine Medienkompetenz. Gerade Menschen kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben, also Schüler*innen, müssen sich heutzutage verstärkt online präsentieren, zum Beispiel in extra dafür vorgesehenen Jobnetzwerken. Ähnliches gilt bei politischem Engagement: Menschen, die Ämter innehaben oder Aufgaben übernehmen, haben oft online auffindbare Kontaktdaten, um zum Beispiel für Journalist*innen ansprechbar zu sein. Jugendliche von solchen Aufgaben auszuschließen, kann nicht die Lösung sein, vor allem nicht, da so oft behauptet wird, Jugendliche seien politikverdrossen und würden heutzutage gar keine Verantwortung mehr übernehmen wollen.
Sich im Internet – auch mit privaten Daten – darzustellen, ist nicht immer nur lustige Spielerei, es ist in der heutigen Welt auch gängige Praxis. Wer sich dem grundsätzlich verwehrt, wird an einigen Stellen ausgeschlossen bleiben, Aufträge nicht bekommen, wichtige Chancen verpassen. Jugendliche müssen sich auch im Netz ausprobieren können – unsere Aufmerksamkeit muss sich auf diejenigen richten, die zu Mobber*innen oder Gewalttäter*innen werden. Davon ist in den Tipps des Frauenrats nichts zu lesen, denn es geht weiter mit Ansprachen an diejenigen, die bereits zum Opfer wurden und nun Schadensbegrenzung betreiben müssen.

Oft schwingt bei der Debatte rund um „Cybermobbing“ an Schulen mit, Mobbing sei im Internet erfunden worden. Lehrer*innen und Eltern stehen angeblich plötzlich vor einem großen Problem und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Als ich in die Unterstufe ging, da waren wir Schüler*innen noch keine Internetnutzer*innen und trotzdem wurde gemobbt. Da wurden Fotos aus so genannten Freundschaftsbüchern geklaut und zusammen mit diffamierenden Texten in der Schule verteilt. Da wurde laut in der Klasse gelästert, da wurden Leute auf dem Nachhauseweg verfolgt und am Nachmittag bei diesen Leuten angerufen (weil es offene Telefonlisten gab, ganz analog auf Papier). Und schon damals waren die Lehrer*innen überfordert, schon damals fühlten sie sich oftmals nicht zuständig und schon damals richteten sich ihre Psychologisierungen und Ursachensuche oft an die Opfer. Scheinbar hat sich da wenig geändert, denn der Experte im Magazin des Frauenrats wird wie folgt zitiert: „Als Risikofaktoren gelten mangelndes Einfühlungsvermögen und geringes Selbstwertgefühl“. Nein, hier sind nicht die Täter*innen gemeint, es geht um die Opfer. Hier werden Gründe dafür gesucht, die rechtfertigen, dass Menschen von anderen Menschen fertig gemacht werden.

Der Untertitel des Artikels lautet „Cybermobbing unter Jugendlichen hat massiv zugenommen – viele Eltern sind alarmiert“. Sind eigentlich auch die Eltern der Täter*innen alarmiert? Wann wird sich mal damit beschäftigt, was Menschen zu empathielosen Täter*innen macht? Und gemeint ist keine Diskussion rund um Videospiele, „Problemfamilien“ oder gar Religion, was klassischerweise nach Gewalttaten passiert. Was total fehlt, ist die Gefährder*innenansprache und auch die Ursachenforschung, was schon Schüler*innen zu Gewalttäter*innen macht. Im Artikel der Zeitschrift Frauenrat findet sich dazu nur folgende Erklärung: „Unbedachtheit spielt eine große Rolle. Viele stellen aus Wut oder aus Versehen etwas ins Netz“. Wenn wir von Mobbing sprechen, sprechen wir von anhaltendem, systematischem Ausschließen, Beleidigen, Bedrohen und so weiter. Das hat mit Versehen nichts zu tun. Allein schon der Begriff „Cybermobbing“: Wer heute noch ironiefrei „Cyber“ sagt, sagt sehr viel darüber aus, wie gut er oder sie sich im Internet auskennt. „Cyber“ klingt nach „im Internet surfen“, „das geheimnissvolle World Wide Web entdecken“ – und auch nach „Weltraum“, „weit weg“ und „nicht echt“. Gerade, wenn wir über Gewalt im Netz reden, ist es fatal, solche Assoziationen zuzulassen.

Zum Glück spricht der Artikel auch einen sehr wichtigen Punkt an, nämlich welche Folgen für die Opfer von Mobbing bleiben: „Depressionen, Angststörungen, Wut, aggressives Verhalten, psychosomatische Beschwerden, Schulphobie, posttraumatische Belastungsstörungen bis hin zu Suizidgedanken und Suizidversuchen.“ Und zusätzlich dazu sollen sich Opfer noch damit beschäftigen, mit welchem Verhalten sie die Gewalt ausgelöst haben? Das ist unzumutbar und unmenschlich.

Gewalt ist real, egal ob im Internet oder auf dem Schulhof. Mobbing ist Gewalt und kein Versehen. Und Schuld tragen weder die Opfer noch die genutzten Instrumente, Schuld tragen die Täter*innen.

Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext

Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext published on 43 Kommentare zu Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext

jenesuispascharlie

[CN für alle Links: Rassismus] Frankreich trauert. Europa, die Welt, wir alle trauern um zwölf Menschen. Das Massaker an den Redakteuren von Charlie Hebdo ist ein abscheuliches Verbrechen, eine Tat, die keine Rechtfertigung kennt. Die Morde sind furchtbar, schrecklich, widerlich. Es gibt kein Drumherumreden.

Dennoch bin ich nicht Charlie. Ich trauere um die Toten, aber ich will mich nicht mit einem Satireblatt identifizieren, das allzu oft Rassismen und Islamophobie reproduziert hat. Seit ich diese Tendenzen benenne, wird mir unterstellt, ich wäre irgendwie auf der Seite der Attentäter. Ich würde „victim blaming“ betreiben. Nele Tabler ärgerte sich so sehr über Menschen, die der Meinung sind, Charlie Hebdo könnte mit einigen Bildern Rassismus reproduziert haben und sei deshalb nicht vollkommen unkritisch zu lesen, dass sie einen Blogbeitrag dazu schrieb. Darin schreibt sie:

Obwohl ich schon seit vielen Jahren keine Ausgabe von Charlie Hebdo mehr in der Hand hatte, befindet sich unter den Beispielen auch eine Karikatur, die ich nicht nur kenne, sondern die sogar in meinem Arbeitszimmer an der Wand hängt. Es stellt die französische Justizministerin Christiane Taubira, eine PoC, als Affen dar.

[…] Dass vor knapp zwei Jahren in Frankreich die Ehe für alle (Mariage pour tous) in Kraft trat, ist vor allem der Entschiedenheit, dem Einsatz und den rhetorischen Fähigkeiten von Christiane Taubira zu verdanken. […] Im November 2013 zeigte das Cover der rechten Wochenzeitung Minute ein Foto von ihr und titelte: Maligne comme une singe. Taubira retrouve la banane. (Schlau wie ein Äffin. Taubira trifft [?] eine Banane. [Bin mir unsicher, wie mit welchem Wortsinn retrouver hier übersetzt werden soll]. Schon zuvor war die Ministerin auf Facebookseiten und Demoplakaten mehrmals als Affe bezeichnet worden.

[…] Irgendwann in jenen #idpet Wochen wachte ich nachts auf und wusste plötzlich, was Charlie Hebdo mit der Affenkarikatur bezwecken wollte. Ich wünschte mir das Talent und die Kreativität, jene Hasskommentare ebenso bildlich umsetzen zu können. In eine Karikatur, die klipp und klar zeigt: Das wird gesagt. Das ist gemeint. So sind diese Leute unterwegs. Ein einziges Bild, das mit der ganzen Schlechtigkeit im Gedächtnis hängen bleibt. Und nicht nur eine wage Erinnerung an „Überempörung“, weil inzwischen doch alles wieder gut ist.

Leider kann ich weder zeichnen noch hatte ich entsprechende Ideen, wie so etwas umgesetzt werden könnte. […] Mir blieb nur, die Affenkarikatur auszudrucken, zu rahmen und an die Wand zu hängen.

Ich verstehe sie so, dass sie diese satirische Darstellung (hier ein Link zu einem Tweet mit dem Bild) für sich umdeutete, „verstand“. Dass sie im Kontext ihrer eigenen, höchst negativen Medienerfahrung etwas Positives für sich herauszog. Und sich daher die Karikatur rahmte und an die Wand hängte.

Nele Tabler plädiert dafür, Karikaturen und Satire streng im Kontext zu lesen, in dem sie entstanden. Das ist ein hehrer Wunsch. Spätestens seit dem Beginn der Postmoderne machen sich Inhalte gern selbstständig, werden zitiert, herumgereicht, kurz: entkontextualisiert. Daher ist der Forderung, einen Inhalt streng im Kontext zu lesen, heutzutage gar nicht so einfach beizukommen. Fehlende Kontexte müssen erst mühsam recherchiert werden, und wer macht sich diese Mühe noch in unserer schnellebigen Zeit?

Was bleibt, sind die Bilder, die Inhalte. Und diese normalisieren Rassismus. „Es ist in Ordnung, Schwarze Menschen als Affen darzustellen!“, sagen sie. „Ist doch lustig, lacht halt einfach mit!“, fordern sie.

Vergessen wird bei dieser Argumentation um die Berücksichtigung von Kontext, dass auch Rassismus Kontext hat. Blackface, zum Beispiel. „Ist doch lustig, sich mal als wer anders zu verkleiden! Schwarze dürfen sich doch auch weiß anmalen, wieso also nicht weiße schwarz?“ Kontext, Kontext! Blackface hat, ebenso wie rassistische Karikaturen, eine lange Tradition. Eine Verletzungsgeschichte, die auf der Vormacht weißer Menschen aufbaut und die die Gefühle, Meinung, Würde von Schwarzen Menschen außen vor lässt. Nein, es ist nicht ok, sich sein Gesicht „mit Schuhcreme, Kohle, was auch immer“ anzumalen und Schwarz zu „spielen“. Und nicht nur, dass wir Weißen gern den Kontext von Rassismus vergessen (wie bequem!), nein, mit derartigen „lustigen“ Aktionen werden auch die Rassismuserfahrungen von PoC entkräftet.

Vielleicht würde ein Foto von Christiane Taubira, wie sie sich selbst gern in der Öffentlichkeit zeigt, sich ebenso gut an Nele Tablers Wand machen, eine ähnliche Botschaft aussenden – und ihr auch noch respektvoll begegnen.

christiane_taubira

Im Zuge des germeinsamen Weges zu mehr Awareness daher mein Appell: Trauert um die Opfer des furchtbaren Mordanschlags. Ich tue es auch. Und überdenkt dennoch, ob ihr wirklich ganz und gar hinter den Inhalten von Charlie Hebdo stehen wollt – in aller Konsequenz.

 

Nachtrag vom 14.01.2015: Liebe Nele Tabler: Ich biete dir hiermit an, die von dir vermisste Karikatur von dir zu malen. Vielleicht ist das ein erster Schritt aufeinander zu.

Tuğçe Albarak – von Zivilcourage und struktureller Gewalt

Tuğçe Albarak – von Zivilcourage und struktureller Gewalt published on 1 Kommentar zu Tuğçe Albarak – von Zivilcourage und struktureller Gewalt

otherworld

Tuğçe Albayrak starb an ihrem 23. Geburtstag, weil sie eingriff, als zwei Mädchen von Typen belästigt wurden und in der Folge selbst angegriffen wurde. Ihr Tod wird weltweit betrauert und die Respektsbekundungen sind zu recht groß.
Tuğçe griff in einer Situation ein, die auch für sie selbst Gefahr bedeutete – nicht immer ist Eingreifen so risikoreich, doch immer ist Eingreifen wichtig. Die Medien nehmen das zum Anlass, dem Thema Zivilcourage wieder verstärkte Bedeutung zuzurechnen.

Doch wenn wir den Tod von Tuğçe nur im Zusammenhang mit Zivilcourage betrachten, bleibt uns ein wichtiges Problem verborgen: das der strukturellen Gewalt gegen Frauen aufgrund von männlichem Anspruchsdenken. Zu lesen ist wieder von “Schlägertypen”, “jugendlichen Straftätern” oder auch “Ausländergewalt” (die dann gegen Tuğçes Migrationshintergrund aufgerechnet wird). Nicht benannt wird misogyne Gewalt: Die Person, die für den Tod der jungen Studentin verantwortlich ist, hat mit einigen anderen zusammen zuvor Mädchen auf einer öffentlichen Toilette belästigt.
Jungs und Männer, die Mädchen und Frauen belästigen, sind Alltag. Die patriarchale Struktur unserer Gesellschaft ermöglicht ihnen das und sie ermöglicht auch, dass dem Thema viel zu wenig Bedeutung beikommt. Problematisieren zu müssen, dass Übergriffe und Übergriffigkeit nicht auf böse, arme, nicht-weiße Kriminelle abgeschoben werden können, würde die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Ein strukturelles Problem einzugestehen, zu beleuchten und Konsequenzen daraus zu ziehen, täte weh. Es wäre nämlich nicht damit getan, sich auf Einzelfälle zu stürzen.

Wer in den letzten Wochen die verstärkte Diskussion um Pick Up verfolgt hat, konnte auch hier genau das beobachten: Julien Blanc, der aufgrund gewaltverherrlichender Videos sehr begründeten Protest auslöste, wurde zum Vertreter einer ganzen Bewegung. Doch auch ohne den Aufruf zu körperlicher Gewalt können viele der Techniken von Pick Up “Artists” als gewaltsam bezeichnet werden. Rücksichtslos wird sich über den Willen von Frauen und von ihnen gesetzte Grenzen hinweg gesetzt, um sie ins Bett zu kriegen. Was hier gelehrt wird, legt den Grundstein für gewaltvolle Beziehungen und sexualisierte Übergriffe. Männer, die Pick Up betreiben, haben das Ziel, besonders viele Frauen in kurzer Zeit ins Bett zu kriegen. Sie gehen davon aus, dass Frauen viel zu selbstbewusst geworden seien und Männer dahinter zurück stehen. In ihren Augen steht ihnen Sex mit Frauen zu, Frauen sind aber so bösartig, dass sie ihnen den nicht gönnen und vorenthalten. Allein diese sexistische Anspruchshaltung und der Heterozentrismus, der damit einher geht, sind Grund, sich aufzuregen. Keine Frau schuldet einem Mann Aufmerksamkeit, Sex oder gar Liebe – und sei er noch so ein Nice Guy.
Pick Up ist Industrie gewordene Manifestation der Rape Culture, in der wir leben. Der Begriff Rape Culture meint im Wesentlichen, dass in einer Gesellschaft sexualisierte Gewalt oft vorkommt, aber von vielen Menschen nicht als solche benannt oder gar erkannt wird. Rape Culture zeigt sich in den Vergewaltigungsmythen, die letztlich immer den Opfern die Schuld zuschieben, und in der Verharmlosung von Übergriffigkeit. Täter werden dadurch geschützt und Taten herunter gespielt.

Letztlich bleibt es dabei, dass einzelne Menschen als mutig gelten und posthum ausgezeichnet werden, wenn sie dafür sorgen (möchten), dass Frauen unbelästigt durchs Leben gehen. Wer ein sicheres Leben für sich und andere möchte, darf nicht mutig sein müssen. Sogar Bundespräsident Gauck äußerte sich zu Tuğçes Zivilcourage und ihrem traurigen Tod, eine Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen forderte er hingegen nicht.
Wir müssen darüber reden, welche Strukturen es sind, die ein Klima der Gewalt ermöglichen, nicht so sehr darüber, wie dem im Einzelfall begegnet werden kann. Vor dem Hintergrund, dass Street Harassment und Pick Up in unserer Gesellschaft als „normal“ gelten, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um patriarchale Gewaltstrukturen handelt. Natürlich wünschen wir uns eine Gesellschaft, in der Menschen sich mutig Diskriminierung und Gewalt entgegenstellen. Doch vor allem wünschen wir uns eine Gesellschaft, die Gewaltstrukturen erkennt und das Problem an der Wurzel packt.

EDIT: @dieryane (via @samiaalthar) wies auf Twitter darauf hin, dass es einen guten Artikel u.a. zum Thema Rassismus bezogen auf den Fall Tuğçe gibt, den ich hier also ergänzen will.

Ein Lächeln ist keine Einladung

Ein Lächeln ist keine Einladung published on 4 Kommentare zu Ein Lächeln ist keine Einladung

wegwarteUnsere Gastautorin erlebte vor einigen Wochen einen sexualisierten Übergriff in ihrer Wohnung. Sie wollte ihre Geschichte aufschreiben und veröffentlichen und wir wollen ihr hier – anonym – die Möglichkeit dazu geben.

[TW: sexualisierte Gewalt (auch gegen Kinder)]

Ich habe lange gezögert, mich an die Tastatur zu setzen und meine Geschichte aufzuschreiben. Ich wollte es direkt tun, nachdem sie sich ereignet hat, aber es hat mich einfach viel Überwindung gekostet. Ich bin eine 32-jährige Schwarze Frau, habe ein schulpflichtiges Kind und lebe in einer deutschen Großstadt. Wichtig zum Erfassen meiner Geschichte ist, dass ich heute nicht vom ersten Übergriff berichte, der mir passiert ist. Ich habe schon als Kind Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht. Ich wurde mit sieben Jahren missbraucht, mit 12 das erste Mal vergewaltigt – wohlgemerkt von zwei unterschiedlichen Tätern.

Als ich 18 war, habe ich das erste Mal angezeigt. Ich ging an einem kalten Winterabend, nachdem ich wieder Nächte durchgeweint hatte, in unserer Stadt zur Polizei und habe dort alles erzählt. Ich habe mich damals so befreit gefühlt und mich innerlich auf einen Gerichtsprozess vorbereitet. Ich habe gedacht, dass jetzt alles besser wird, aber… Es passierte zunächst neun Jahre und ein paar Monate gar nichts! Später erfuhr ich, dass der damalige Staatsanwalt wohl Mist gebaut habe.
Ich versuchte in der Zwischenzeit ein normales Leben zu führen, habe geheiratet und ein Kind bekommen. Als meine Tochter dann ein paar Monate alt war, kam plötzlich ein Schreiben der neuen Staatsanwältin, denn es kam doch noch zur Verhandlung. Es gab sogar ein Urteil: „schuldig“. Ich habe eine Therapie begonnen und abgeschlossen und dachte das Thema endlich zu den Akten legen zu können.

Jetzt, wieder ein paar Jahre später, ereignete sich Folgendes: Ich hatte Internetprobleme, rief meinen Provider an und wartete den Besuch der Handwerker ab. Ein älterer und ein etwas jüngerer Mann wurden mir als Techniker nach hause geschickt. Angesagt waren sie für 18 Uhr, aber sie kamen erst um 21 Uhr und fingen an zu arbeiten. Ich bot ihnen Kaffee an, es war ja schon so spät und ich wollte höflich sein. Sie haben ihre Arbeit gemacht und ich habe ein wenig „Smalltalk“ gehalten.
Gegen Ende der Arbeit stand ich mit dem älteren Herren allein im Flur. Unvermittelt fing dieser Mann an, mich zu bedrängen. Ich war völlig perplex. Er versuchte, mich zu küssen und ich konnte mich gerade noch so entwinden. Ich war wie erstarrt bis beide Handwerker 15 Minuten später meine Wohnung verließen. Ich schloss meine Wohnungstür, immer noch wie erstarrt. Ich weinte. Ich weinte zwei Tage lang, ich sprach nicht mit meinem Freund und ich ließ meine beste Freundin nicht zu mir kommen. Zwei Tage lang fühlte ich mich wie gefroren. Dann ging ich zur Polizei und ich habe wieder angezeigt. Nach der Anzeigenaufnahme musste zur Kriminalpolizei und dort nochmal alles schilderten.

Ich habe versucht alles richtig zu machen, denn ich weiß, dass ein Mensch, der sowas einmal tut, es wieder tun könnte oder vielleicht schon öfter gemacht hat.
Mir ist der Gedanke, dass schon wieder jemand meine innere Grenze so weit überschritten hat, einfach zuwider. Für mich war und ist das die Hölle. Ich wurde innerhalb von Sekunden wieder zu einem Opfer gemacht und der Druck, der jahrelang auf mir lastete und den ich überwunden glaubte, war auf einmal wieder da. Und das nur, weil ein Mann meine Freundlichkeit als Einladung gesehen hat.

Letzte Woche kam der Brief vom Staatsanwalt. Es wird trotz Anzeige keine Anklage erhoben, weil keine Zeugen vorhanden seien und ich die Tat deshalb ja nicht beweisen könne. Welch ein Hohn! Ich bin immer noch sprachlos und mir fehlen die Worte, meine Gefühle, meine Hilflosigkeit und mein andauerndes Fallen richtig beschreiben zu können. Ich weiß, dass ich mich verraten fühle von einer Gesellschaft, die jemanden, der in mein Haus kommt und mir zu nahe tritt, auch noch vor Strafe schützt.

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