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Metalheads 2: Back in Black

Metalheads 2: Back in Black published on Keine Kommentare zu Metalheads 2: Back in Black

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Back in Black

Back in black
I hit the sack
I’ve been too long I’m glad to be back
Yes I’m let loose
From the noose
That’s kept me hanging about
Lookin‘ at the sky
‚Cause it’s gettin‘ me high
Forget the hearse ‚cause I’ll never die
I got nine lives
Cat’s eyes
Abusin‘ every one of them and running wild

‚Cause I’m back
Yes I’m back
(…)
Well I’m back in black
Yes I’m back in black  (…)

Auszug aus Back in Black, AC/DC (1980)

 

Souls of Black

Müsste man dem Musikstil Heavy Metal eine (Kleider-)Farbe zuordnen, dann wäre das mit Sicherheit Schwarz. Auch wenn gerade kein passendes Bandshirt zur Hand ist – mit schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt kannst du auf einem Metalkonzert erst mal nichts verkehrt machen. Von AC/DCs Back in Black über Metallicas Schwarzes Album bis hin zum Genre des Black Metal – die Farbe Schwarz ist allgegenwärtig. Und zudem ist sie verblüffend konstant: Während Modefarben kommen und gehen, bleibt es im Metal über Jahre und Jahrzehnte hinweg beim unbunten Schwarz. Viele Metalheads, darunter auch wir beide, tragen auch im Alltag oder zu Anlässen, zu denen Metal-typische Kleidung nicht passen würde,  gerne schwarz. Die wenigsten fragen sich, warum das so ist.

Hier lohnt ein kurzer Blick in die europäische Kulturgeschichte, wo der Farbe Schwarz ein besonderer Stellenwert zukommt: Sie wird mit Tod, Trauer, Melancholie und Demut ebenso in Verbindung gebracht wie mit Macht, Stärke und Schutz. Schwarze Kleidung versinnbildlicht das Streben nach Wahrhaftigkeit und Authentizität, weshalb sich viele ideologische und elitäre Gruppen gerne in einheitliches Schwarz kleiden.

In den 1950er Jahren erhält die Farbe Schwarz erstmals Eingang in die Jugendkultur. In dieser Zeit beginnen vor allem im US-amerikanischen Raum männliche* Jugendliche durch das Tragen von schwarzen Lederjacken ihre Zugehörigkeit zur Szene der sogenannten „Halbstarken“ zu signalisieren. Neben praktischen Aspekten – ein wichtiges Statussymbol innerhalb der Szene ist das Motorrad – soll die schwarze Lederkleidung auch ein Ausdruck von Stärke, Unabhängigkeit und Gewaltbereitschaft der Gruppe sein. Die Kleidercodes dieser Jugendkultur wurden von Film und Fernsehen aufgegriffen und prägen bis heute das Bild von maskuliner* Unabhängigkeit.

Jolly Roger_02Ab den 1980ern bildet sich in Europa langsam die sogenannten „Schwarzen Szene“ heraus, eine heterogene Subkultur, die aus unterschiedlichen Musikrichtungen und Modestilen gespeist wird, darunter Gothic Rock, Gothic/Symphonic Metal, Electro, Industrial, Neofolk, Folk Metal, Mittelaltermusik bis hin zu Neuer Deutscher Härte und Black Metal. Die Szenegänger*innen eint neben ihrer Vorliebe für die Farbe Schwarz auch eine gemeinsame Weltanschauung bzw. ein damit verbundenes speziell codiertes Zeichensystem, das oft von Todessymbolen (Schädel) oder heidnischen Symbolen (Runen) geprägt ist. Themen wie gesellschaftliche Tabus, Philosophie, Esoterik und vorchristliche Religionen stehen im Mittelpunkt; die Kleidungsfarbe Schwarz dient zur Abgrenzung von der bunten „Spaßgesellschaft“.

Under Jolly Roger

Und Abgrenzung von der „Spaßgesellschaft“ tut oft Not, denn längst nicht jede*r hat zu dieser Zugang. Queere Kinder und Jugendliche haben es bis heute nicht leicht – umso weniger, wenn sie wie wir beide auf dem Land aufwachsen, wo alles noch in geregelten/(hetero-)normativen/genderstereotypen Bahnen zu verlaufen hat. Unsere Selbstfindung verlief nicht weniger turbulent, aber doch anders als die der Gleichaltrigen. Während um uns herum die Dorfjugend mit heterosexuellen Paarungsritualen beschäftigt war – im Sommer gab es dafür den katholischen Jugendtreff und den Trachtenverein, im Winter die Eisdisco – verfestigte sich in uns ein Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit, Anders-Sein und Ausgrenzung. Die räumliche Entfernung zu jeder Art von LGBITTQ-Szene und der Mangel an Internet (Ja echt! Das gab’s mal nicht!) machte einen Austausch mit Gleichgesinnten unmöglich. Unsere Reaktion? Wir schlossen uns einer Gegenkultur an, die für uns über TV und Zeitschriften erreichbar war, und die uns total faszinierte: Metal!

Back in BlackWir begannen, uns ausschließlich in Schwarz zu kleiden und behielten diese Gewohnheit gegen alle Widerstände für mehrere Jahre bei. Die schwarze Kleidung wurde Ausdruck unseres Anders-Seins, das für uns so nicht nur fühl- und lebbar, sondern in einem Akt des trotzigen Aufbegehrens auch nach außen hin sichtbar gemacht werden konnte. Vervollständigt wurden unsere Outfits durch Lederjacken, Kutten und den T-Shirts unserer jeweiligen Lieblingsbands. In der Zeit vor den Girlie-Shirts war diese Kleidung ausschließlich für Männer* bzw. Jungs* gedacht und geschnitten – wir liefen also faktisch in Männer*kleidung herum.

Mit der Übernahme der Bekleidungs-Codes des Heavy Metal eigneten wir uns – mehr oder weniger unbewusst – männlich konnotierte Insignien an, die uns Freiheit versprachen. Und zwar Freiheit von dem bereits seit unserer Geburt vorgezeichneten Leben innerhalb heteronormativer sowie geschlechtsbinärer Normen. Unsere Umwelt reagierte auf unsere Verweigerung femininer Verhaltensweisen mit Unverständnis und der Aufforderung, doch endlich auch mal etwas „Hübsches“ anzuziehen wie die anderen Mädchen* – denn schließlich sollten auch wir beide ja mal einen Mann* abbekommen.

Bis heute manifestiert sich für uns in der Ablehnung bunter Bekleidung unsere Verweigerung gegenüber allzu femininer und unpraktischer Mode mit ihrem Diktat der wechselnden (Mode)Farben – und damit der impliziten Aufforderung ständig hübsch, sexy und für andere erkennbar weiblich* aussehen zu müssen.

Unsere Vorliebe für die maskulinen Outfits unserer Metal-Vorbilder war allerdings mehr als bloßes Cross-Dressing: Wir wollten weg von der als normal und natürlich angesehenen Geschlechterbinarität, welche Menschen ganz klar vorschrieb, was sie auf Grund ihres Geschlechtes zu tun und zu unterlassen hatten. Über den Metal kamen wir in Kontakt mit Männern* bzw. einer Männlichkeit*, die ebenfalls vom Mainstream abwich, denn auch „die Langhaarigen“ galten im dörflichen Umfeld als alles andere als normal. Mit diesem Hinterfragen von Geschlechternomen erschufen wir beide für uns letztlich eine eigene Geschlechtsidentität als Metalheads: Irgendwie keine Frauen*, irgendwie keine Männer*, vielleicht irgendwas dazwischen oder vielleicht auch keines von beidem. Im Zweifel immer Fuck You!  Dieses Gefühl der Verortung zwischen vorgegebenen Kategorien – des nicht eindeutig Zuordnen-Könnens – ist uns bis heute geblieben. Genau wie unsere Vorliebe für Metal als Musikrichtung und Kultur, in der wir uns einfach heimisch und verwurzelt fühlen.

 

Lesetipps zum Thema Schwarze Szene und Symbolik:

  • Arvid Dittmann: Schwarz als Farbe jugendlicher Subkulturen. In: Alexander Nym (Hg.): Schillerndes Dunkel. Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, 2010.
  • Judith Platz / Alexander Nym / Megan Balanck: Schwarze Subgenres und Stilrichtungen.In: Alexander Nym (Hg.): Schillerndes Dunkel. Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, 2010.
  • Christiane Ana Buhl: Tod, Vergänglichkeit und Düsternis. Der Schädel in der Ästhetik und dem Weltbild der Schwarzen Szene. In: Alfried Wieczorek u. Wilfried Rosendahl (Hg.): Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Regensburg 2011.

 

Weiterführende Links zu den Themen queere Identität und Pink/Rosa:

Metalheads 1: Breaking the Law

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Breaking the Law

There I was completely wasting, out of work and down
all inside it’s so frustrating as I drift from town to town
feel as though nobody cares if I live or die
so I might as well begin to put some action in my life

Breaking the law, breaking the law
Breaking the law, breaking the law
Breaking the law, breaking the law
Breaking the law, breaking the law

So much for the golden future, I can’t even start
I’ve had every promise broken, there’s anger in my heart
you don’t know what it’s like, you don’t have a clue
if you did you’d find yourselves doing the same thing too

Breaking the law, breaking the law
Breaking the law, breaking the law
Breaking the law, breaking the law
Breaking the law, breaking the law

You don’t know what it’s like

Judas Priest (1980)

A touch of evil

Als männliche Homosexualität im Jahre 1968 in England legalisiert wurde, war Rob Halford 17 Jahre alt. Für die Nicht-Metalheads da draußen: Rob Halford ist der Frontman der britischen Band Judas Priest, welche ihrerseits als erste echte Heavy Metal Band überhaupt gilt, da sie die fundamentalen Elemente des Classic Metal festlegte. Diese bestehen im Wesentlichen aus opernartigem, virtuosem Tenorgesang kombiniert mit einer spezifischen Klangfarbe der Gitarren, welche durch starke Verzerrung vor allem die Ober- und Unterfrequenzen betont. Um die Wirkung noch zu verstärken, wird das Ensemblespiel der Gitarren zumeist parallel geführt. Damit trotz des stark verzerrten Sounds die Kontrolle über die Pulse behalten bleibt, kommt die Palm-Mute-Technik zum Einsatz. Kurz gesagt: Es geht um die Erzeugung eines möglichst bombastischen, brutalen Sounds, der jedoch durch den Einsatz verschiedenster musikalischer Mittel immer streng kontrolliert wird.

Judas is rising

Doch damit nicht genug. Judas Priest waren nicht nur musikalisch stilbildend, sondern prägten auch den über Jahre gültigen und teilweise bis heute wirksamen „Dresscode“ des Heavy Metal, bestehend aus schwarzem Leder, Nieten und viel nackter Haut. Was lange Zeit niemandem auffiel: Diese Outfits stammten aus der Homosexuellenszene, insbesondere der schwulen SM-Szene. (Achtet bei der Liveaufnahme von „Breaking the Law“ doch mal auf die Handschellen an Rob Halfords Gürtel. 😉 )

Judas_Priest

Die schwule Lederszene, deren Insignien bald auch von der Lesbenszene aufgegriffen wurden, ging ihrerseits aus der Motorrad-Subkultur hervor. Das Motorrad wiederum ist ein fester Bestandteil der Bühnenshows von Judas Priest. Rob Halford fährt damit auf die Bühne, posiert und gibt – lasziv an den Lenker gelehnt – die Zugabe Hell Bent for Leather. (Falls ihr Lust habt: Hier findet ihr ein vollständiges Konzert von 1984 samt Zugabe.) Doch obwohl sowohl die Bühnenshow als auch die Texte der Band deutliche Anspielungen auf homosexuelles Begehren enthielten, sollte es noch bis 1998 dauern, bis der inzwischen 47-jährige Rockstar als erster Heavy-Metal-Musiker überhaupt öffentlich über seine Homosexualität sprach.

 

„I think that most people know that I’ve been a gay man all of my life, and it’s only been in recent times it’s an issue that I feel comfortable to address … something that I feel has a moment, and this is the moment to discuss it.“

„Ich glaube, die meisten Leute wissen, dass ich schon mein ganzes Leben lang ein schwuler Mann bin, aber erst seit kurzem fühle ich mich wohl dabei, dieses Thema anzusprechen…. etwas, von dem ich glaube, dass es einen Zeitpunkt hat und jetzt ist der Zeitpunkt, um darüber zu reden.“

– Rob Halford, 1998

Living after Midnight

Spätestens seit dem Coming Out des Sängers werden die Texte der Band allgemein auch als subversive Anspielungen auf homosexuelles Begehren verstanden; im Subtext war diese Bedeutungsebene allerdings von Anfang an vorhanden. So erzählt der Song „Breaking the Law“ eben nicht nur die Geschichte einer freiwilligen Gesetzesübertretung, sondern auch die Tragödie und das trotzige Aufbegehren all jener, deren Sexualität gegen die Regeln verstößt – egal ob es sich dabei um geltendes Recht oder gesellschaftliche Konventionen handelt.

Dieses automatische Wahrnehmen des Subtextes ist übrigens typisch für Angehörige der Queer-Community. Der Grund dafür ist einfach: Es geht gar nicht anders. Bis heute gibt es kaum Darstellungen von queeren Lebensrealitäten. Wenn deine eigene Geschichte aber nie erzählt wird, bleibt dir nichts anderes übrig, als auf Subtexte auszuweichen. So mag beispielsweise der Song „Living after Midnight“ auch für straighte cis-Jugendliche ansprechend sein, die darin die Beschreibung einer gelungenen Disco-Nacht erkennen. All jene aber, die ein Doppelleben führen müssen und deren „wahres Leben“ deshalb erst nachts und heimlich in einer verborgenen Community beginnt, können in Textzeilen wie „I come alive in the neon light“ ihre eigene Geschichte erkennen.

Hell bent for Leather

Die BDSM-Szene, aus der Rob Halford die Insignien des Heavy Metal entlehnte, ist eine Subkultur, die bis heute als so anrüchig gilt, dass selbst heterosexuelle Praktizierende ihre Neigung für gewöhnlich geheimhalten. Kritik am BDSM kommt dabei aus den verschiedensten Richtungen. Auch manche feministische Strömungen weisen teils vehement darauf hin, dass beim BDSM Herrschaftsverhältnisse reproduziert würden, was eine selbstbestimmte weibliche Sexualität angeblich ausschließe. Was die Kritiker_innen dabei aber oft übersehen: BDSM basiert auf klaren Regeln und Absprachen und ist absolut consensual. Es geht nicht um die Ausübung von Gewalt, sondern lediglich um ein Spiel mit Illusionen. (Hier gibt es übrigens einen sehr lesenswerten Artikel zu BDSM, weiblicher Sexualität und Feminismus auf Kleinerdrei.)

So gesehen verwundert es nicht, dass eine der Wurzeln des Metal im BDSM liegt. Denn auch, wenn es nach außen hin manchmal etwas brachial aussieht: Beim Metal geht es nicht um Gewalt, sondern um die Illusion von Gewalt, die durch das Einhalten strenger Regeln kontrolliert und kanalisiert wird, so dass sie einen empowernden Safe Space bildet. Und genau dieser Safe Space kann eine gedankliche Zuflucht für alle jene sein, die sich in der „normalen Welt“ nicht so richtig zu Hause fühlen. Darunter möglicherweise auch Rob Halford, der auf der Bühne die Codes einer Sexualität abfeiert, die bis heute in vielen Ländern kriminalisiert wird.

Lesetipp:

Wer sich hauptsächlich für Heavy Metal als Musik interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt:

Dietmar Elflein: Schwermetallanalysen. Die musikalische Sprache des Heavy Metal. Bielefeld 2010.

Kleidung. Eine Reflexion kultureller Codes, oder: Warum ich manchmal einen kurzen Rock anziehe.

Kleidung. Eine Reflexion kultureller Codes, oder: Warum ich manchmal einen kurzen Rock anziehe. published on 4 Kommentare zu Kleidung. Eine Reflexion kultureller Codes, oder: Warum ich manchmal einen kurzen Rock anziehe.

Kulturelle Codes

Die Frau ist selbst schuld, wenn sie so einen kurzen Rock anzieht und die Lippen rot macht! Also, natürlich nicht Schuld an einer Vergewaltigung, aber mit so einer Aufmachung sendet sie schon Signale aus! Wenn eine Frau einen kurzen Rock anzieht, dann heißt das doch, dass sie angemacht werden will. Sie macht sich doch hübsch – für die Männer. Und dann darf sie sich nicht beschweren, wenn ein Mann auch mal das Aussehen kommentiert!

Im Blick von Beobachtern

Das Zitat ist fiktiv und künstlich verdichtet. Aber es bringt ganz gut die Aussagen über eine verbreitete Ansicht auf den Punkt, wer denn Schuld habe, wenn sexistische Bemerkungen fallen. Ich möchte mich heute aber nicht an der Schuldfrage abarbeiten, sondern erklären, wieso von außen als „sexy“ wahrgenommene Kleidung unter Umständen vollkommen anders intendiert ist.

Statt hier eine Einführung in die Definition der Rape Culture zu geben (was andere an anderer Stelle viel schöner tun als ich), möchte ich Einblicke geben, warum ich mich anziehe, wie ich mich anziehe. Warum ich an manchen Tagen einen Minirock aus dem Schrank hole. Was das mit der Kultur zu tun hat, mit Zeichen und Codes. Und wieso das rein gar nichts damit zu tun hat, dass ich gern objektifiziert, bewertet oder sexistisch kommentiert werden würde.

Konstruktion eines Erscheinungsbildes

Jeden Morgen erfinde ich mich neu. Mit dem Griff in den Kleiderschrank wähle ich ein Äußeres für den Tag. Dieses Äußere, für das ich mich entscheide, korrespondiert mit meinem Inneren. Es gibt Tage, an denen ich mich um nichts in der Welt in eine enge Jeans zwängen würde. Und solche, an denen es nichts passenderes gibt. Zur Kleidung gesellt sich das Make-up als weitere Ausdrucksform. Mein „Schmink-Standardprogramm“ wechselt häufig. Und, klar, auch das Make-up ist nicht alleine ein Versuch, „hübsch“ auszusehen und damit eine Aussage darüber, was genau ich persönlich als hübsch definiere, an welchem Schönheitsideal ich mich orientiere. Es ist für mich ebenso Spiegel meiner Persönlichkeit und meiner Befindlichkeit wie meine Kleidung. Wenn ich also nach langer Zeit von Jeans und Nur-Lidstrich zu flatterndem Rock wechsle, die Haare wieder offen trage und einen knallroten Lippenstift auflege, dann will ich damit die Botschaft ändern, die ich nach außen sende.

Codes im sozialen Kontext

Bei dieser Selbst-Konstruktion bediene ich mich kulturell verankerter Codes. Ich verwende Bilder, Meme, Tropen, die im mir bekannten Kulturkontext existieren, um Aussagen über mich zu treffen. Ich stelle mit Hilfe von Zeichen Verbindungen her zwischen mir und dem Objekt, auf das ich referenzieren will. Ein einfaches Beispiel sind Cowboystiefel. Zieht sich ein Mensch Cowboystiefel an, weckt er*sie damit Assoziationen an Western, an Amerika, an Goldgräber*innen, Revolverheld*innen und so weiter.

Anders formuliert könnte man auch sagen: Ich lasse mich von diesen Assoziationen inspirieren. Mal ist es ein Foto in einer Zeitschrift, mal eine Frau, die ich auf der Straße sehe. Manchmal fasziniert mich die Kleidung einer Protagonist*in in einem Film, mit der ich mich identifizieren kann, und manchmal historische Persönlichkeiten. Solche Codes sind sehr praktisch, denn sie kommunizieren stark verdichtete Informationen zwischen Menschen, die sie verstehen. Aber das ist nicht immer der Fall. Stellen wir uns vor, ein Alien besuchte die Erde und sähe die Cowboystiefel aus unserem Beispiel. Was würde es sehen? Vermutlich die Funktion: ein fußumhüllendes Kleidungsstück aus stabilem Material, das vor dem direkten Kontakt mit dem Untergrund schützt. Das dürfte es dann gewesen sein. Mit den Details, die Cowboystiefel zu Cowboystiefeln machen – wadenhoch, oben etwas weiter, die Spitze ausgeprägt aber nicht spitz, kleiner Absatz, Schnalle – könnte es nichts anfangen. Denn diese Details übermitteln kulturell geprägte Botschaften, die einen Empfänger brauchen, der sie decodieren kann. Beim Decodieren passieren zwei Dinge: Menschen, die die Codes kennen, verstehen die Botschaft implizit, also z.B. „Langer, geschwungener Lidstrich und roter Lippenstift: Könnte eine 60s-Anleihe sein, vielleicht mag sie das aktuelle 60s-Musik-Revival oder Mad Men“.

Neben dem Inhalt der Botschaft wird aber auch klar, dass überhaupt ein gemeinsamer kultureller Hintergrund besteht, der das Lesen des Codes erst ermöglicht, was so ein Ingroup-Gefühl herstellt. Damit birgt die Verwendung von bestimmten Codes neben der Ausdrucksmöglichkeit zusätzlich die Chance, sich selbst einer Gruppe mit bestimmten Interessen und Werten zuzuordnen. Um ein Beispiel zu nennen: Eines meiner Kleider lässt mich ein wenig wie eine Priesterin im antiken Griechenland aussehen, ein zweites Kleid erinnert eher an eine Hippie. Funktional betrachtet unterscheiden sie sich kaum: Sie sind beide lang, beide aus Baumwolle, und beide nur für sehr warmes Wetter geeignet. Vielleicht bin ich heute besonders alternativ-öko-groovy drauf und will das auch zeigen. Welches Kleidungsstück ich wähle, hängt also nicht allein von funktionalen Aspekten ab, sondern davon, wie ich mich fühle, wie ich mich darstellen möchte. Ich bediene mich der Codes, um Hinweise darauf zu geben, wie ich meine Position in der Gesellschaft sehe, wie meine Stimmung heute ist oder wie ich wahrgenommen werden will. Wähle ich also das Hippie-Kleid, bin ich auf jeden Fall unbeschwerter, lockerer, grooviger unterwegs als in meinem Priesterin-der-Athene-Outfit. Aber Menschen, die die Codes nicht kennen, verstehen nichts.

Encodieren, decodieren

Zusammengefasst bediene ich mich also kulturell verankerter Codes, um Botschaften auszusenden. Das tut jede*r von uns, wenn auch in unterschiedlichem Maße, in verschieden starker Reflektiertheit und aus unter Umständen unterschiedlichen Quellen. Dadurch, dass nicht alle Quellen allen Menschen gleich zugänglich oder gleich präsent sind, stelle ich entweder eine Ingroup-Beziehung zu jemandem her, der*die die Codes lesen kann – oder tue genau das nicht. Kann jemand die Codes nicht lesen, ist schwer zu vermeiden, dass sie – von der Outgroup – falsch gelesen werden. Wo ich vollkommen blind für die Bedeutung von Markenkleidung bin (sind Hosen von Adidas gerade „cooler“ als Levi’s? Bin ich mit Nike sportlicher unterwegs als mit Puma? Ist Hollister trendiger als Hilfiger?), können andere nicht auf die Kunst der griechischen Antike zugreifen.

Natürlich verändert sich die Konnotation auch über die Zeit. Alte Assoziationen lösen sich auf, neue kommen hinzu. War die Jeans am Anfang ihrer Geschichte nichts als ein robustes Kleidungsstück für Arbeiter*innen, wurde sie in den 1950ern zu einem Code für gesellschaftlichen Ungehorsam und Rebellion, gerade, indem sich die Träger*innen in die Tradition der Arbeiter*innen stellten. Heutzutage sind Jeans kaum noch revolutionär und haben sogar in den Dresscode Einzug gehalten.

Objektifizierung

All das überlege ich, mal mehr elaboriert, mal weniger, wenn ich mich für oder gegen Kleidung entscheide. Und, um es ganz klar zu sagen: Nein, ich überlege mir nicht, ob ich damit Männer anmache. Wozu auch? Ich bin exklusiv liiert und nicht auf der Suche. Und ich empfinde Pfiffe, derbe Sprüche und gierige Blicke auch nicht als Kompliment. Wenn ich etwas Figurbetontes trage, dann, weil ich mich gerade in meinem Körper wohl fühle. Und erst, wenn ich an unangenehme Blicke in der S-Bahn oder billige Anmachen denke, frage ich mich, ob mein Outfit zu gewagt ist, etwa mein Priesterin-der-Athene-Kleid zu durchsichtig oder mein Hippiekleid zu schulterfrei. Und meine Frage lautet dann: „Kann ich das trotzdem anziehen?“ und nicht: „Ich möchte das gern deswegen tragen!“

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