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Bitte recht natürlich!

Bitte recht natürlich! published on 12 Kommentare zu Bitte recht natürlich!

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Immer wieder höre ich in Diskussionen irgendwo im Gebiet Feminismus das Argument: “Das ist doch nicht natürlich!” Oder, in der die eigene Argumentationslinie stützenden Variante: “Das ist eben natürlich!” Gerade neulich bin ich dem Argument wieder begegnet, als es ums Stillen ging: Stillen, ja, das ist natürlich! Und damit gut. Und Flaschennahrung ist unnatürlich. Und somit schlecht.
Interessant ist es schon, dieses Argument der Natürlichkeit. Denn wir als menschliche Spezies sind eigentlich nicht unbedingt für unsere Nähe zur Natur bekannt, eher das Gegenteil ist der Fall: Wir grenzen uns gerade durch unsere zivilisatorischen Errungenschaften von der Tierwelt ab.

Denken wir das fertig

Aber lassen wir das Argument zu: Natürlichkeit ist Unnatürlichkeit vorzuziehen. Wenn wir diesen Schritt machen, müssen wir allerdings auch betrachten, welche anderen Bereiche von unnatürlichen Veränderungen berührt sind.
Beginnen wir mit den vergleichsweise modernen Erfolgen unserer Zivilisation: Wir müssten ein Leben ohne Strom führen, ohne fließendes Wasser und ohne moderne Medizin. Antibiotika zählen dazu ebenso wie moderne Operationen, von Zahnersatz über die Entfernung der Galle bis hin zum Kaiserschnitt. Und wenn wir schon dabei sind: Zahnpflege generell ist ebenfalls eine vergleichsweise neumodische Erfindung, die wir keinesfalls als natürlich einordnen können.
Selbstverständlich müssten wir auch unsere Ernährung natürlicher gestalten. Ich spreche hier nicht von dieser Paläo-Diät, die sich gern an eingeflogenen exotischen Früchten (Avocados, anyone?), durch Kreuzung und Selektion optimiertem Gemüse oder gar Fleisch bedient. Nein, ich spreche davon, was jeder von uns als einzelner Mensch, ganz ohne unnatürliche Zivilisation, Ackerbau oder Jagdgemeinschaft an lokal vorhandenen Dingen essen kann. Da bleibt nicht viel übrig. Nicht umsonst betrug die durchschnittliche Lebenserwartung im Paläolithikum magere 33 Jahre, bevor sie vermutlich dank von Vieh übertragenen Krankheiten, Mord und Totschlag nach der neolithischen Revolution auf nur noch 20 Jahre sank.
Und dabei lebte der Mensch im Neolithikum bereits keineswegs mehr ganz natürlich. Schon hier existierten zivilisatorische Strukturen, Werkzeuge, ach, und unnatürliche Sprache.
Teufelszeug.

Wie natürlich ist Heteronormativität?

Auch in Sachen sexueller Identität und Orientierung erfreut sich das Natürlichkeitsargument großer Beliebtheit: Genau eine Paarung wird als “natürlich” proklamiert, die monogame Verbindung zwischen einem Cis-Mann und einer Cis-Frau. Aber wie natürlich ist diese Natürlichkeit, wenn wir einmal genauer hinschauen? Es gibt massenhafte Belege für Homo- und Bisexualität bei Tieren, so dass ich an dieser Stelle auf einige Überblicksartikel zu dem Thema verweisen möchte. Laut Wikipedia ist Homosexualität bei rund 1500 Tierarten nachgewiesen. Und was ist natürlicher, als das natürliche Verhalten natürlicher Tiere in der Natur?
Und auch unsere traditionellen Geschlechterrollen, die einige Menschen bereitwillig als natürlich voraussetzen, wackeln stark. Denn bei genauer Betrachtung schält sich heraus, dass die historische Zuweisung von Menschen zu Geschlechterrollen an sich nicht so simpel ist, wie manche Historiker*innen und Archäolog*innen das in der Vergangenheit gern dargestellt haben.

Ein anderer Argumentationszweig befasst sich mit der Natürlichkeit von Sex zum Zweck der Fortpflanzung. Natürlich ist demnach, was Kinder zeugen kann.
Interessanterweise höre ich dieses Argument oft von sexuell aktiven Heterosexuellen, bei denen ich davon ausgehe, dass ihre Kinderlosigkeit bewusst herbeigeführt ist, sprich: auf unnatürlichen Verhütungsmitteln basiert. Sex, der allein dem Spaß dient statt unserer Fortpflanzung, ist in logischer Konsequenz dieses Arguments unnatürlich. Genau wie Partner*innenschaften von Menschen, die keine Kinder zeugen können. Heißt das, dass unfruchtbare Menschen nur unnatürlichen Sex haben können? Und dürfen sie Sex haben, wenn er doch keine Kinder hervorbringen kann?
Und wie sieht es bei Sex im Alter aus, kann der noch als natürlich gelten, wenn aus dem Geschlechtsakt keine Kinder entspringen können?

Natürlichkeit als Ergebnis von Interpretation

Wenn wir hier noch einen Schritt weiter denken, stoßen wir auf die nächste Frage: Wie natürlich kann unsere binäre Geschlechtszuweisung überhaupt sein, wenn es eine Vielzahl von chromosomalen, gonadalen, hormonellen oder anatomischen Merkmalen gibt, entlang derer wir Geschlecht erst definieren müssen? Wie viele Geschlechter bekommen wir, wenn wir auch nur einige dieser Faktoren durchvariieren? Erweitern wir dies noch um den ethnologischen Blick auf Kulturen, die selbstverständlich mehr als zwei Geschlechter kennen oder andere Zuordnungen zu Geschlechtern leben, stellt sich schnell die Frage, ob wir durch die Masse der heteronormativen, binärgeschlechtlichen Darstellung in unserem Kulturkreis zwangsläufig von Natürlichkeit sprechen dürfen.

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Was bleibt also übrig von der heraufbeschworenen Natürlichkeit? Wenn wir konsequent sind: Nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die “natürliche Geschlechterrollen”, “natürliche Sexualität” oder “natürliche Babyernährung” fordern, Natürlichkeit in der letzten Konsequenz wollen würden.
Womit das Argument beliebig wird: Wenn jede*r frei definieren kann, was natürlich ist und was nicht, haben wir es nicht mehr mit einem Argument zu tun, sondern bestenfalls mit einer polemischen Floskel, die dann verwendet wird, wenn gerade ein Totschlagargument fehlt.

Ich für meinen Teil lasse mein Verhalten nicht in den Kategorien “natürlich vs. unnatürlich” bewerten. Ihr seht ja, wo das hinführt!

tl;dr: Bei “Natürlichkeit” handelt es sich um ein Pseudoargument, das die Nutzenden so verwenden, wie es ihnen in den Kram passt. Es ist ungültig.

DIY als emanzipatorische Praxis

DIY als emanzipatorische Praxis published on 2 Kommentare zu DIY als emanzipatorische Praxis

MonsterAnfang Mai habe ich auf der republica einen Vortrag zu Feminismus und Handarbeit gehalten. Für diejenigen, die nicht dabei sein konnten, werde ich das Thema hier noch einmal in zwei Blogartikeln zusammenfassen, dies ist der zweite, den ersten könnt ihr hier nachlesen. Es gibt den ganzen Vortrag auch als Podcast zum Nachhören.
In diesem Text stelle ich u.a. einige emanzipatorische Handarbeitsprojekte vor. Es handelt sich um eine subjektive und unvollständige Auswahl – falls ihr noch Tipps habt, könnt ihr diese gerne in den Kommentaren ergänzen.

2007 gründete sich die Crafting-Community Ravelry, in der mittlerweile über 5 Millionen User*innen angemeldet sind und in eigenen Profilen ihre Strick-, Häkel- oder Spinnprojekte zeigen, in Foren oder thematischen Gruppen diskutieren oder die Muster- und Materialdatenbanken nutzen. Dass sich dieses große Netzwerk nicht außerhalb emanzipatorischer Diskurse bewegt, zeigt sich nicht nur in der großen Zahl an feministischen und queeren Diskussionsgruppen, sondern auch in der Firmenpolitik der Betreiber*innen: Hate Speech ist in den Community Guidelines explizit verboten und mit Konsequenzen verbunden – davon könnten sich andere Plattformen einiges abschauen.

Neben solchen sozialen Netzwerken und Foren finden sich im Netz auch zahlreiche Blogs zum Thema Handarbeit. Warum schreiben Menschen über Handarbeit und – viel wichtiger – warum lesen andere diese Artikel? Die amerikanische Geschlechterwissenschaftlerin Caroline Porter schrieb einen Aufsatz (pdf) zu Blogs von Frauen, die von Haushalt, Familie und auch Handarbeit handeln. Sie führt die Vorteile auf, die es hat, dass Frauen im Internet publizieren können: Ihre Blogs bekommen Aufmerksamkeit, dienen als Zuverdienst und vor allem zur Vernetzung und um auf neue Ideen und neues Wissen zu stoßen. Das Schreiben und Veröffentlichen an sich kann als emanzipatorischer Akt gesehen werden, denn als weiblich gelesene Themen schaffen es selten in den medialen Diskurs des Mainstreams. Das hat natürlich auch mit der mangelnden Diversität in Redaktionen zu tun.
Blogs sind die Neue Öffentlichkeit und DIY-Blogs widersprechen somit dem Konzept von Neuer Häuslichkeit, den Handarbeit findet nicht mehr nur im Privaten statt. Handarbeit mit Häuslichkeit gleichzusetzen, trifft also den Kern der Sache nicht.

Was aus emanzipatorischer Sicht bei Handarbeitsblogs jedoch auch beachtet werden muss: Blogs, die Aufmerksamkeit bekommen, haben Privilegien inne, die natürlich auch wieder Ausschlüsse produzieren. Die „großen“ Crafting-Blogs und -Netzwerke, die dauernd verlinkt und empfohlen werden, reproduzieren leider vielfach das übliche Bild der Gesellschaft: Die Leute sind hetero, weiß, gehören zur Mittelschicht und sind „gesund“ (und wenn sie richtig Aufmerksamkeit kriegen wollen sind sie männlich). Queer-feministische Kritik muss an dieser Stelle ansetzen und zwar ohne einzelne Menschen zu beschämen, sondern indem Systeme kritisiert werden. Es gibt  online und offline Handarbeitsgruppen, die genau dies tun wollen und sich deshalb Queer-Feminismus auf die Fahne geschrieben haben.

Woman_sewing_with_a_Singer_sewing_machineHandarbeit kann auf unterschiedliche Weise empowernd sein: Ich habe den Beitrag einer jungen genderfluiden Person gefunden, die über das Stricken einen Schulaufsatz geschrieben hat und dort ausdrückt, wie sehr Stricken Empowerment sein und Geschlechterkategorien aushebeln kann.
Handarbeiten kann aber auch schlicht Spaß machen und entspannen, was förderlich für die Gesundheit ist. Du kannst dir also selbst durch den Herstellungsprozess etwas Gutes tun, aber auch die Tatsache, dass du selbst mit deinen eigenen Händen etwas für dich selbst herstellen kannst, empowert. Handarbeiten können auch dazu genutzt werden, aktivistisch tätig zu werden. Viele Menschen stellen beispielsweise aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie ihre eigene Kleidung her – oder weil sie ihren Kindern mehr als rosa und blau bieten wollen oder weil sie nicht den gängigen Schönheitsnormen entsprechen, aber schön gekleidet sein wollen. Craftivismus nennt sich diese Bewegung und meint sowohl textiles Arbeiten als aktivistische Praxis als auch Kritik an der Textilindustrie. Mit Handgemachtem können politische Botschaften verbreitet werden. Das zeigt sich zum Beispiel in einigen Yarnbombing-Projekten (Frauentag, #aufschrei, Olympische Spiele) oder in großartigen Stickprojekten.

DIY kann eine emanzipatorische Praxis sein, genau wie das öffentliche Schreiben darüber und das Raumeinnehmen mit als „weiblich“ gelabeltem Tun. Ich wünsche mir deshalb weniger Vorurteile gegenüber Handarbeit an sich und weniger Geringschätzung von Personen, die handarbeiten – besonders, wenn sie nicht cis-männlich, weiß und hetero sind.

Die Angst vor der Neuen Häuslichkeit

Die Angst vor der Neuen Häuslichkeit published on 7 Kommentare zu Die Angst vor der Neuen Häuslichkeit

SchneckeAnfang Mai habe ich auf der republica einen Vortrag zu Feminismus und Handarbeit gehalten. Für diejenigen, die nicht dabei sein konnten, werde ich das Thema hier noch einmal in zwei Blogartikeln zusammenfassen, dies ist der erste. Es gibt den ganzen Vortrag auch als Podcast zum Nachhören.

Stricken, Häkeln, Nähen und andere Handarbeiten sind seit einigen Jahren wieder stark im Kommen: Handarbeitsläden sehen heute anders aus als früher und es gibt sie auch in hippen Stadtteilen. Moderne Handarbeitsbücher richten sich auch an jüngere Leute und natürlich gibt es das Internet als neue Informationsquelle. Parallel zum Handarbeitsboom wird das Thema aber auch kritisch betrachtet: Es wird das Problem der „Neuen Häuslichkeit“ heraufbeschworen, also eine Entwicklung, die den Rückzug aus der öffentlichen Sphäre ins Private bedeutet. Da wird dann eine apolitische Jugend beschworen, die nur noch Handarbeit, Gärtnern, Kochen o.Ä. als ihren Lebensmittelpunkt betrachten und die Augen vor dem „Ernst des Lebens“ verschließen. Ich möchte gar nicht leugnen, dass es diesen Trend gibt. Doch Zeitungen oder Zeitschriften, die gleichermaßen alte weiße Männer dafür bezahlen, feministische Aktivistinnen zu beleidigen und sexistische, rassistische, homofeindliche Hate Speech immer noch verharmlosend „Trollerei“ nennen, sollten vielleicht nicht ausgerechnet die Handarbeit als Keim des konservativen Rollbacks bezeichnen. Kritik sollte nicht bei Blümchenmustern ansetzen, sondern bei diskriminierenden Systemen. Es geht nicht um die Vorlieben Einzelner, sondern um die Gesellschaft an sich.

Handarbeit ist (heute – das war nicht immer so) mit Weiblichkeit assoziiert und mit der häuslichen Sphäre verbunden, weil sie jahrhundertelang drinnen ausgeführt wurde und Teil der unbezahlten Care Arbeit von Frauen war. Sie fand oder findet damit außerhalb der öffentlichen Sphäre (die der männlichen Sphäre entspricht) statt. Diese uralte Einteilung wurde mit dem feministischen Slogan „das Private ist politisch“ eigentlich schon lange gebrochen. Natürlich sind auch Vorgänge, die im Verborgenen bzw. Privaten stattfinden, politisch relevant. Diskussionen um häusliche Gewalt oder die Öffnung der Ehe für alle Geschlechter sind hier nur zwei Beispiele von vielen.
Wird das Internet in die Betrachtung einbezogen, erscheint die Aufteilung in Häuslichkeit / Öffentlichkeit gleich noch unzeitgemäßer. Solange wir Zugang zum Netz haben, können wir jederzeit und unabhängig von unserem Aufenthaltsort an Politik teilhaben; als Konsument*innen genauso wie beispielsweise als Aktivist*innen.
Für den Mainstreamjournalismus sind solche Fakten irrelevant, wenn es darum geht, Handarbeit und damit vielfach handarbeitende Frauen, zu kritisieren. Medien, die sonst auch gerne antifeministische Haltungen veröffentlichen, sehen im Handarbeiten plötzlich den Abgesang des Feminismus. Crafting sei Hausfrauen-Kleinklein, für das eine nicht besonders schlau sein müsse und für Frauen, die keine richtigen Jobs haben bzw. denen ihre Berufe zu anstrengend sind. Und dann möchten handarbeitende Frauen auch noch Aufmerksamkeit für das, was sie geschaffen haben!

Was sich hier als feministische Kritik verkauft, ist nichts Anderes als neoliberale Kackscheiße, angerührt mit Sexismus. Handarbeit wird als nicht anstrengend, nicht kompliziert und nicht wertvoll genug kritisiert – und nur was anstrengend ist, kann in diesem Verständnis von Arbeit wertvoll sein.  Frauen dann auch noch vorzuwerfen, dass sie für sich, ihr Tun und ihr Denken Sichtbarkeit möchten, ist ein ganz alter sexistischer Hut. Dieses Bedürfnis wird bei Frauen fast immer negativ bewertet.
Handarbeit als un-feministisch zu bezeichnen, kann nur von Menschen kommen, die die Geschichte des Feminismus und Beispielsweise die Riot Grrrls und ihre DIY-Kultur als zentralen feministischen Grundstein nicht kennen.

buttons-628818_640 Handarbeit ist immer das Vorzeigebeispiel, wenn es darum geht, angebliche „Häuslichkeit“ zu kritisieren.  Wenn Menschen tagelang durch Tumblr scrollen oder eine Modelleisenbahn im Keller haben, gibt es keine Grundsatzdiskussionen über Alltagsflucht. Auch beim (oft Männern zugeschriebenen) „Basteln“ am Computer oder beim Heim- oder Handwerken setzt keine vergleichbare Kritik ein wie bei Handarbeit. Allein, dass im Deutschen Handwerk und Handarbeit begrifflich unterschieden wird, zeigt die Abgrenzung. Eine Kritik, die sich auf Handarbeit beschränkt und in der Handwerk ausgespart wird, ist letztlich vielfach schlichte Weiblichkeitsfeindlichkeit. Das zeigt sich auch darin, dass Cis-Männer, die das Stricken oder Häkeln für sich entdecken, öffentlich oft gefeiert oder gar mit medialer Aufmerksamkeit bedacht werden.

Was bei Kritik an Handarbeit oder Neuer Häuslichkeit im Allgemeinen ausbleibt: Kritik an dem System, das verursacht, dass Menschen aus dem Alltag ausbrechen und Pause machen möchten oder müssen. Meine Generation ist aufgewachsen mit Terrorwarnungen, Kriegen, Wirtschaftskrisen, der NSA, dem Klimawandel und Menschen auf der Flucht. Gleichzeitig sehen wir uns Turboabi, Bolognareform, prekären Arbeitsverhältnissen, Hartz IV und eben nicht zuletzt dem konservativen Backlash ausgesetzt. Der Kapitalismus, das Patriarchat, rassistische Gesellschaftsstrukturen usw. sind Schuld daran, dass Safe Spaces notwendig sind – besonders für Menschen, die nicht männlich, nicht aus der Mittelschicht, nicht hetero oder nicht weiß sind. Wenn diese dann ab und zu abends auf dem Sofa sitzen und eine Socke stricken, ist das kein Weltuntergang.

Bei Kritik an Neuer Häuslichkeit schwingt immer auch Kritik an Selbstverwirklichung mit. Da gibt es Menschen, die es wagen, ihre Freizeit für sich selbst zu beanspruchen. Was als Kritik getarnt ist, ist bloß die Angst, Menschen könnten ernsthaft aus der kapitalistischen Verwertungslogik ausbrechen und somit das System in Frage stellen. Schön wäre es! Aber wenn wir uns mal die Fakten betrachten, geht es letztlich nur um einen geringen Prozentsatz an Leuten, die wirklich aussteigen und der Gesellschaft den Rücken kehren. Bei den meisten geht es einfach nur um ein paar kurzzeitige Alltagsfluchten.

Ich halte die Kritik an der Handarbeit für ein Schreckgespenst und ich glaube, dass Kritik an Neuer Häuslichkeit nie ohne Kritik an der Gesellschaft vonstatten gehen kann. Kurzzeitige Alltagsflucht ist für diskriminierte Gruppen schlichtweg notwendig, um in der Gesellschft überhaupt bestehen zu können oder Kraft zu sammeln für weiteres politisches Engagement. Eskapismus und Aktivismus müssen kein Widerspruch sein. Handarbeit und DIY sind nur ein Nebenkriegsschauplatz. Wir müssen uns mit dem konservativen Backlash an ganz anderer Stelle beschäftigen – nämlich dort, wo er menschenfeindliche Ideen und Hass verbreitet.

Metalheads 2: Back in Black

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Metalheads-Logo

Back in Black

Back in black
I hit the sack
I’ve been too long I’m glad to be back
Yes I’m let loose
From the noose
That’s kept me hanging about
Lookin‘ at the sky
‚Cause it’s gettin‘ me high
Forget the hearse ‚cause I’ll never die
I got nine lives
Cat’s eyes
Abusin‘ every one of them and running wild

‚Cause I’m back
Yes I’m back
(…)
Well I’m back in black
Yes I’m back in black  (…)

Auszug aus Back in Black, AC/DC (1980)

 

Souls of Black

Müsste man dem Musikstil Heavy Metal eine (Kleider-)Farbe zuordnen, dann wäre das mit Sicherheit Schwarz. Auch wenn gerade kein passendes Bandshirt zur Hand ist – mit schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt kannst du auf einem Metalkonzert erst mal nichts verkehrt machen. Von AC/DCs Back in Black über Metallicas Schwarzes Album bis hin zum Genre des Black Metal – die Farbe Schwarz ist allgegenwärtig. Und zudem ist sie verblüffend konstant: Während Modefarben kommen und gehen, bleibt es im Metal über Jahre und Jahrzehnte hinweg beim unbunten Schwarz. Viele Metalheads, darunter auch wir beide, tragen auch im Alltag oder zu Anlässen, zu denen Metal-typische Kleidung nicht passen würde,  gerne schwarz. Die wenigsten fragen sich, warum das so ist.

Hier lohnt ein kurzer Blick in die europäische Kulturgeschichte, wo der Farbe Schwarz ein besonderer Stellenwert zukommt: Sie wird mit Tod, Trauer, Melancholie und Demut ebenso in Verbindung gebracht wie mit Macht, Stärke und Schutz. Schwarze Kleidung versinnbildlicht das Streben nach Wahrhaftigkeit und Authentizität, weshalb sich viele ideologische und elitäre Gruppen gerne in einheitliches Schwarz kleiden.

In den 1950er Jahren erhält die Farbe Schwarz erstmals Eingang in die Jugendkultur. In dieser Zeit beginnen vor allem im US-amerikanischen Raum männliche* Jugendliche durch das Tragen von schwarzen Lederjacken ihre Zugehörigkeit zur Szene der sogenannten „Halbstarken“ zu signalisieren. Neben praktischen Aspekten – ein wichtiges Statussymbol innerhalb der Szene ist das Motorrad – soll die schwarze Lederkleidung auch ein Ausdruck von Stärke, Unabhängigkeit und Gewaltbereitschaft der Gruppe sein. Die Kleidercodes dieser Jugendkultur wurden von Film und Fernsehen aufgegriffen und prägen bis heute das Bild von maskuliner* Unabhängigkeit.

Jolly Roger_02Ab den 1980ern bildet sich in Europa langsam die sogenannten „Schwarzen Szene“ heraus, eine heterogene Subkultur, die aus unterschiedlichen Musikrichtungen und Modestilen gespeist wird, darunter Gothic Rock, Gothic/Symphonic Metal, Electro, Industrial, Neofolk, Folk Metal, Mittelaltermusik bis hin zu Neuer Deutscher Härte und Black Metal. Die Szenegänger*innen eint neben ihrer Vorliebe für die Farbe Schwarz auch eine gemeinsame Weltanschauung bzw. ein damit verbundenes speziell codiertes Zeichensystem, das oft von Todessymbolen (Schädel) oder heidnischen Symbolen (Runen) geprägt ist. Themen wie gesellschaftliche Tabus, Philosophie, Esoterik und vorchristliche Religionen stehen im Mittelpunkt; die Kleidungsfarbe Schwarz dient zur Abgrenzung von der bunten „Spaßgesellschaft“.

Under Jolly Roger

Und Abgrenzung von der „Spaßgesellschaft“ tut oft Not, denn längst nicht jede*r hat zu dieser Zugang. Queere Kinder und Jugendliche haben es bis heute nicht leicht – umso weniger, wenn sie wie wir beide auf dem Land aufwachsen, wo alles noch in geregelten/(hetero-)normativen/genderstereotypen Bahnen zu verlaufen hat. Unsere Selbstfindung verlief nicht weniger turbulent, aber doch anders als die der Gleichaltrigen. Während um uns herum die Dorfjugend mit heterosexuellen Paarungsritualen beschäftigt war – im Sommer gab es dafür den katholischen Jugendtreff und den Trachtenverein, im Winter die Eisdisco – verfestigte sich in uns ein Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit, Anders-Sein und Ausgrenzung. Die räumliche Entfernung zu jeder Art von LGBITTQ-Szene und der Mangel an Internet (Ja echt! Das gab’s mal nicht!) machte einen Austausch mit Gleichgesinnten unmöglich. Unsere Reaktion? Wir schlossen uns einer Gegenkultur an, die für uns über TV und Zeitschriften erreichbar war, und die uns total faszinierte: Metal!

Back in BlackWir begannen, uns ausschließlich in Schwarz zu kleiden und behielten diese Gewohnheit gegen alle Widerstände für mehrere Jahre bei. Die schwarze Kleidung wurde Ausdruck unseres Anders-Seins, das für uns so nicht nur fühl- und lebbar, sondern in einem Akt des trotzigen Aufbegehrens auch nach außen hin sichtbar gemacht werden konnte. Vervollständigt wurden unsere Outfits durch Lederjacken, Kutten und den T-Shirts unserer jeweiligen Lieblingsbands. In der Zeit vor den Girlie-Shirts war diese Kleidung ausschließlich für Männer* bzw. Jungs* gedacht und geschnitten – wir liefen also faktisch in Männer*kleidung herum.

Mit der Übernahme der Bekleidungs-Codes des Heavy Metal eigneten wir uns – mehr oder weniger unbewusst – männlich konnotierte Insignien an, die uns Freiheit versprachen. Und zwar Freiheit von dem bereits seit unserer Geburt vorgezeichneten Leben innerhalb heteronormativer sowie geschlechtsbinärer Normen. Unsere Umwelt reagierte auf unsere Verweigerung femininer Verhaltensweisen mit Unverständnis und der Aufforderung, doch endlich auch mal etwas „Hübsches“ anzuziehen wie die anderen Mädchen* – denn schließlich sollten auch wir beide ja mal einen Mann* abbekommen.

Bis heute manifestiert sich für uns in der Ablehnung bunter Bekleidung unsere Verweigerung gegenüber allzu femininer und unpraktischer Mode mit ihrem Diktat der wechselnden (Mode)Farben – und damit der impliziten Aufforderung ständig hübsch, sexy und für andere erkennbar weiblich* aussehen zu müssen.

Unsere Vorliebe für die maskulinen Outfits unserer Metal-Vorbilder war allerdings mehr als bloßes Cross-Dressing: Wir wollten weg von der als normal und natürlich angesehenen Geschlechterbinarität, welche Menschen ganz klar vorschrieb, was sie auf Grund ihres Geschlechtes zu tun und zu unterlassen hatten. Über den Metal kamen wir in Kontakt mit Männern* bzw. einer Männlichkeit*, die ebenfalls vom Mainstream abwich, denn auch „die Langhaarigen“ galten im dörflichen Umfeld als alles andere als normal. Mit diesem Hinterfragen von Geschlechternomen erschufen wir beide für uns letztlich eine eigene Geschlechtsidentität als Metalheads: Irgendwie keine Frauen*, irgendwie keine Männer*, vielleicht irgendwas dazwischen oder vielleicht auch keines von beidem. Im Zweifel immer Fuck You!  Dieses Gefühl der Verortung zwischen vorgegebenen Kategorien – des nicht eindeutig Zuordnen-Könnens – ist uns bis heute geblieben. Genau wie unsere Vorliebe für Metal als Musikrichtung und Kultur, in der wir uns einfach heimisch und verwurzelt fühlen.

 

Lesetipps zum Thema Schwarze Szene und Symbolik:

  • Arvid Dittmann: Schwarz als Farbe jugendlicher Subkulturen. In: Alexander Nym (Hg.): Schillerndes Dunkel. Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, 2010.
  • Judith Platz / Alexander Nym / Megan Balanck: Schwarze Subgenres und Stilrichtungen.In: Alexander Nym (Hg.): Schillerndes Dunkel. Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, 2010.
  • Christiane Ana Buhl: Tod, Vergänglichkeit und Düsternis. Der Schädel in der Ästhetik und dem Weltbild der Schwarzen Szene. In: Alfried Wieczorek u. Wilfried Rosendahl (Hg.): Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Regensburg 2011.

 

Weiterführende Links zu den Themen queere Identität und Pink/Rosa:

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