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Unser Ticket für Brasilien

Unser Ticket für Brasilien published on Keine Kommentare zu Unser Ticket für Brasilien

Das ist ein Artikel von Oecan. Auf Twitter findet ihr ihn unter @oecan_, wo er unter anderem zu Feminismus und Umweltthemen postet. Er ist gelernte Linguste mit einer Schwäche für Rechtschreibung.

Am 12. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Brasilien. Sie ist im Land umstritten. Viele Brasilianer*innen freuen sich darauf, aber es gab und gibt auch starke Proteste. Das Land hat die sechstgrößte Wirtschaft der Welt, doch die Unterschiede zwischen Armen und Reichen sind groß. Die Protestierenden sind der Meinung, dass die Milliarden Euro, die für den Bau von Stadien ausgegeben werden, besser in die Bildungs- und Gesundheitssysteme des Landes investiert gewesen wären. Diese Systeme benachteiligen arme Menschen, die sich private Vorsorge und Privatschulen nicht leisten können.

Mir persönlich war die WM lange gleichgültig bis unsympathisch. Von den Protesten in Brasilien habe ich zunächst wenig mitbekommen. Ich hatte einfach keine Lust auf patriotisches Gejubel und Schwarz-Rot-Gold. Seit der WM 2006 in Deutschland, bei der das ausgelassene Fahnenschwingen wieder üblich wurde, hatten wir eine ganze Menge davon in den letzten Jahren, und ich bin es leid. Die Europawahl hat deutlich gezeigt, dass der Nationalismus in Europa stärker wird, und mir sind Rufe wie „Schland, Schland“ oder „Allez les Bleu“ verdächtig.

fussball

Trotzdem: Ich mag Fußball. Ich schaue es gern. Ich mag es auch, mich mit einer Mannschaft zu identifizieren und mitzufiebern. Es muss auch nicht immer die deutsche sein. Und so entwickle ich doch allmählich eine gewisse Vorfreude. Es ist lange nicht genug, um nach Brasilien zu fahren und dort dabeizusein, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich mir einige (viele ;-)) Spiele im Fernsehen ansehen werde.

Und hier hatten TQ und ich eine Idee. Auch wir kaufen uns Tickets für Brasilien! Wie die Fans, die zum Spiel ins Stadion gehen. Aber im Unterschied zu den FIFA-Tickets, von deren Einnahmen die Brasilianer*innen wenig haben, wollen wir versuchen, unser Geld den Menschen in Brasilien zugutekommen zu lassen, die es am dringendsten brauchen. Es ist der Versuch, einen Ausgleich zu schaffen dafür, dass nicht sie, sondern wir von der Ausrichtung der WM im Land profitieren. Zum Beispiel wurde in der Hauptstadt Brasilia ein großes Stadion gebaut, das nach der WM leerstehen wird, weil es dort keine Erst- oder Zweitligamannschaften gibt. Andere Arenen, gerade erst modernisiert, wurden aufgrund von FIFA-Auflagen erneut umgebaut. Eine U-Bahn ist in einem reichen Viertel von Rio de Janeiro entstanden, während der Nahverkehr aus den armen Vororten überlastet ist.

Wir sind uns bewusst, dass Spenden aus der Ferne problematisch sind und übergriffig und von oben herab wirken können. Wir haben daher nach Organisationen gesucht, die in Brasilien arbeiten, um das Leben armer Menschen dort zu verbessern. Gefunden haben wir diese beiden Organisationen:

Brazil Foundation

Monte Azul Brasilien

Wollt ihr auch ein Ticket für Brasilien? Das ist großartig! Und sehr einfach: Bitte spendet einen Betrag, den ihr für ein Fußballticket für angemessen haltet, oder den ihr euch leisten könnt. Was ein WM-Ticket wirklich kostet, ist gar nicht so leicht rauszukriegen, aber 50 Euro für eine Spende ist unser Vorschlag für Menschen, die sich das leisten können, und entsprechend weniger für die, die die gute Sache unterstützen wollen, obwohl sie nicht so viel geben können.

Anschließend könnt ihr euch den „Ticket für Brasilien“-Sticker herunterladen und selbst einbauen:

Banner zum selbst einbauen.
Sticker zum selbst einbauen.
Icon "Unser Ticket für Brasilien"
Das PNG als Overlay für den Avatar.

Oder ihr könnt ihn hier automatisch eurem Twitter- oder Facebook-Avatar hinzufügen lassen.

Und wenn euch jemand danach fragt, was das bedeutet, verlinkt einfach hierher. Dankeschön, und viel Spaß bei der WM :-))

Das war schon immer so!? – Teil 1: Grundlagen

Das war schon immer so!? – Teil 1: Grundlagen published on 6 Kommentare zu Das war schon immer so!? – Teil 1: Grundlagen

Wer sich mit Geschlechterrollen auseinandersetzt, stößt schnell auf biologistische Erklärungsmuster dafür, warum sich diese so entwickelt haben: Historische oder archäologische „Fakten“ werden nicht nur gerne herangezogen, um zu beweisen, dass die Geschlechterrollen schon immer genauso verteilt waren, wie wir sie jetzt kennen – sondern auch um zu verschleiern, dass bestimmte Kulturtechniken von beiden Geschlechtern erlernt und ausgeübt werden könnten. Somit erscheinen sogenannte „männliche“ und „weibliche“ Fähigkeiten als naturgegeben. Hier wird also von einer Vererbung von Kulturtechniken ausgegangen anstatt von menschengemachten Ideen und Diskursen über Geschlechterrollen. Es wird zum Beispiel gerne behauptet, dass Männer einen besseren Orientierungssinn haben, weil sie in der Steinzeit Großwild gejagt hätten, dass Frauen gerne einkaufen, weil sie in der Steinzeit Nahrung gesammelt hätten oder dass sie so viel reden, weil sie den ganzen Tag in der Höhle saßen und nichts zu tun gehabt hätten (außer Haushalt und Kindern…).

Lascaux Cave Paintings
Quelle: http://naturespicwallpaper.com/lascaux-cave-paintings-free-wallpapers-hd/

Ich möchte in dieser Archäologieserie zeigen, dass das Bild wesentlich differenzierter ist und dass pauschale Aussagen über Geschlecht und Geschlechterrollen nicht haltbar sind. In diesem einleitenden Artikel geht es um die grundlegende Frage der Perspektive, weitere Beiträge werden in unregelmäßigen Abständen folgen.

Geschichtliche Hintergründe, Interpretationen und Vorannahmen

Die prähistorische Archäologie etablierte sich als akademische Disziplin in der zweiten Hälfte des 19. Jh., also zu einer Zeit, in der nur zwei sich diametral gegenüberstehende Geschlechter akzeptiert wurden, die gesellschaftlich getrennt und in ihren Rollen stark festgelegt waren. Zudem bestanden konkrete Zuschreibungen zu den Geschlechtern bzw. zu „männlichen“ und „weiblichen“ Eigenschaften. Die Einteilung von Grabfunden erfolgte primär über die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ und es entstand das Modell, dass in der prähistorischen Archäologie großteils bis heute verwendet wird. Es ist wichtig, archäologische Interpretationen vor diesem Hintergrund zu sehen, genauso wie es generell wichtig ist, wissenschaftliche Erkenntnisse im Kontext ihrer Zeit zu sehen. Da wir alle von Zeitgeist und Gesellschaft geprägt sind, gibt es auch in der Wissenschaft keine wirkliche Objektivität. Wir finden am ehesten, was wir suchen und wir erkennen am einfachsten, was wir bereits kennen. So ist es kein Wunder, dass in der prähistorischen Archäologie (implizit) von ihrem Anfang im 19. Jh. an bestimmte Rollenverteilungen und die (bürgerliche) Kleinfamilie als Standard vorausgesetzt wurden, die im erstarkenden Bürgertum an Popularität gewann. Unser Weltbild beeinflusst unsere Interpretationen. Das geht uns allen so, wird immer so sein und ist auch nicht per se ein Problem, solange wir uns dessen bewusst sind und einige Dinge beachten:

1. Als Lesende*r müssen wir uns (wie bereits gesagt) klar machen, dass wir Interpretationen immer im gesellschaftlichen und historischen Kontext sehen müssen und dass sie immer nur so weit gehen, wie die*der Interpretierende zu denken fähig ist. Auch die Frage, welchen Zweck die jeweilige Literatur erfüllen soll, ist nicht zu unterschätzen. Als drastischstes Beispiel wäre hier archäologische bzw. historische Fachliteratur aus der NS-Zeit zu nennen, deren Inhalt auf propagandistische Zwecke zugeschnitten war. Unter anderem wollten die Archäolog*innen eine durchgängige Ahnenlinie zwischen den German*innen und den Deutschen nachweisen, was nicht zuletzt zur Legitimation von Gebietsansprüchen genutzt werden sollte.

Wir müssen außerdem bedenken, dass Forschungsergebnisse oft temporär sind und nach einigen Jahrzehnten in Frage gestellt oder sogar völlig verworfen werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Moorleiche, die nach ihrem Auffinden in den 1950er Jahren als „Mädchen von Windeby“ bezeichnet wurde. Aufgrund einer Geste (der sogenannten „Feigenhand“) wurde sie vom zuständigen Archäologen als Ehebrecherin interpretiert. Bei DNA-Analysen 2006 stellte sich heraus, dass es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein männliches Individuum handelt und die „Feigenhand“ erwies sich als nachträgliche Manipulation.

2. Als Interpretierende*r / Schreibende*r ist es wichtig, unsere Ausgangsposition für uns zu formulieren und für andere offen zu legen. Denn ein großes Problem ist, dass bestimmte Vorannahmen nicht kommuniziert oder diskutiert, sondern stillschweigend vorausgesetzt werden. Dazu gehört nicht nur die bereits genannte Voraussetzung der Kleinfamilie in archäologischen Kontexten, sondern zum Beispiel auch die feststehende Annahme, dass Waffen männliche Attribute sind und in Form von Beigaben als Indikatoren für Männergräber herangezogen werden können. (Mehr dazu im nächsten Artikel dieser Serie.)

pfeile-schmal2Der zweite Punkt betrifft mich als Schreibende natürlich ebenso wie alle anderen. Meine Ausgangsposition ist aktuell folgende: Ich bin prähistorische Archäologin und habe einen genderwissenschaftlichen Schwerpunkt. Ich gehe davon aus, dass archäologisch nachweisbare Gesellschaften komplex und divers sind (ebenso wie unsere Gesellschaft), was dazu führt, dass mir Ausnahmen in archäologischen Befunden viel eher und viel positiver auffallen als traditionell geprägten Forscher*innen. Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass immer und zu jeder Zeit ausnahmslos gleiche Geschlechterrollen vorherrschten – und daher versuche ich z.B. nicht, eine Frauenbestattung mit Schwert auf Biegen und Brechen zu einer Männerbestattung umzudeuten oder den möglichen Gebrauch des Schwertes wegzuargumentieren (auch dazu später mehr). Ich nehme zunächst keine Aufgabenteilung nach Geschlecht an. Außerdem suche ich explizit nach Ausnahmen von dem, was als Nachweis für traditionelle Rollenverteilung interpretiert werden kann und somit nach Belegen für die von mir angenommene Diversität. Das färbt meine Untersuchungen auf bestimmte Weise ein – auf andere Weise als Untersuchungen von traditionell geprägten Archäolog*innen. Ich versuche nicht, Ausnahmen wegzuargumentieren oder aus statistischen Gründen unter den Tisch fallen zu lassen – denn es geht nicht um eine Statistik, sondern um (vergangene) Lebensrealitäten und darum, ein möglichst umfassendes Bild der jeweiligen Gesellschaft zu rekonstruieren.

Links und weiterführende Literatur

  • Karlisch, Sigrun M./ Kästner, Sibylle/ Mertens, Eva-Maria (Hrsg.): Vom Knochenmann zur Menschenfrau. Feministische Theorie und archäologische Praxis. Münster 1997
  • Fries, Jana Esther / Rambuschek, Ulrike / Schulte-Dornberg, Gisela (Hrsg.): Science oder Fiction? Geschlechterrollen in archäologischen Lebensbildern. Münster 2007
  • Bernbeck, Reinhard: Theorien in der Archäologie. Tübingen und Basel 1997
  • Geringer, Sandra / Halle, Uta (Hrsg.): Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz. Stuttgart 2013
  • Die Moorleiche von Windeby auf Spiegel Online und in der Wikipedia
  • FemArc – Netzwerk archäologisch arbeitender Frauen

Ich stricke, aber…

Ich stricke, aber… published on 25 Kommentare zu Ich stricke, aber…

Dieser Text ist ein Gemeinschaftswerk von Weird & Tugendfurie.

Als Strickerinnen und Spinnerinnen sind wir seit vielen Jahren in Handarbeitscommunities, Foren und Blogs unterwegs, um uns auszutauschen. Mit den Jahren ist uns leider die Lust an diesen Plattformen immer mehr vergangen – warum das so ist, wollen wir mal versuchen aufzuschlüsseln. Wir schreiben hier nur von den zugehörigen Communities, das Handarbeiten selbst lieben wir immer noch heiß und innig.

Wer sich mit Gender Studies und Feminismus beschäftigt. kennt das: die Brille ist nicht mehr absetzbar. Du kannst keinen Schalter mehr umlegen, der es dir ermöglicht, deine Umwelt nicht mehr zu analysieren und auf Stereotype zu untersuchen. So ist das natürlich auch, wenn du dich mit Handarbeiten beschäftigst. Handarbeit für sich muss nichts Hausfrauenklischeebehaftetes sein – ganz im Gegenteil. Leider stellt sich die Szene aber oft genauso dar, auch im Internet.

Bei Betrachtung der bekanntesten deutschen Foren oder Blogs zum Thema Stricken oder Spinnen fällt optisch zuerst ins Auge, dass meistens ein und dieselbe Zielgruppe angesprochen wird, obwohl Handarbeitende natürlich eine diverse Gruppe sind. Die Foren sind in Pastellfarben gestaltet und mit niedlichen Tierfiguren und Blumen geschmückt – ganz wie es der Landlust-Trend vormacht. Alles mutet ein bisschen wie eine Mischung aus pudrigem Kinderzimmer und Bäuerinnenküche an. An sich ist daran nichts auszusetzen, wenn es dafür eine Zielgruppe gibt. Die alternativlose Kombination von Handarbeit und Niedlichkeit sorgt aber für ein Bild, das wir für überholt halten, denn es spiegelt nicht das wieder, was heute eben auch mit Handarbeit verbunden werden kann. Auch in der Szene gibt es vielfältige Geschmäcker und Menschen, aber die werden eben im Mainstream nicht verkörpert – sowas müssen wir dann selbst machen.

Dazu kommt dann die häufige Verwendung von Diminutiven wie „FliPi“ (Es dauerte ewig, bis wir verstanden, dass „Fliegenpilze“ gemeint sind…). Es scheint außerdem so, als wären gerade in Handarbeitsforen besonders viele Frauen unterwegs, die sich nur über ihre Kinder/Ehemänner definieren. Kinderlosigkeit ist eher unsichtbar, im Gegenzug werden heteronormative Familienmodelle als gegeben vorausgesetzt. Kleidungsstücke für Kinder werden als „Mädchenmütze“ bezeichnet und Stoffe mit Flugzeugen und Rennautos sind „für Jungs“. Nicht zuletzt stört uns die Abwertung der eigenen Handarbeit als unwichtiges kleines Hobby, dessen Ergebnis wahlweise verschenkt oder für den Materialpreis oder weniger verkauft wird. Als Rechtfertigung für zu niedrige Preise kommen dabei gerne Aussagen wie „Ich habe ja Freude daran“ oder „Ich mache das ja beim Fernsehen“. Als ob Freude an der Arbeit oder die Tatsache, dass man nicht alle Kapazitäten dafür braucht, die Arbeit selbst schlechter oder wertloser macht. Wir hoffen doch, es gibt noch andere Leute, die Spaß bei ihrem täglichen Job haben und trotzdem Gehalt bekommen – was wäre das sonst für eine traurige Welt?

Ein weiterer Punkt, der uns aufgefallen ist und den wir nicht so richtig nachvollziehen können, ist die fehlende Kreativität. Ja, ihr habt richtig gelesen – fehlende Kreativität in Handarbeitskreisen. Denn meistens geht es darum, Dinge zu reproduzieren: ob es sich um genähte, gehäkelte oder gestrickte Stücke handelt, es wird nach Anleitung gearbeitet. Wir, die wir Art Yarns spinnen, werden häufig gefragt „Und was mache ich dann damit?“, weil Ideen oder Vorstellungen für eine kreative Verarbeitung fehlen. Natürlich gibt es auch kreative Leute, aber die finden sich häufig an Orten fernab des Handarbeits-Mainstreams. Dinge einfach mal neu denken, ausprobieren und aus einer anderen Sicht betrachten sind für uns Kernpunkte der Kreativität (und ja, auch unseres politischen Engagements). Leider endet bei vielen die Kreativität in den Grenzen des neuesten Häkelheftchens vom Kiosk.

Darüber, dass es in Handarbeitskontexten (in Deutschland) oft sehr unpolitisch zugeht, gab es im letzten Jahr schon eine Debatte. Der Ursprungsbeitrag ist dieser, aber wir finden auch die Beiträge von Helga und Distel sehr lesenswert. Helga verweist zudem auf eine Kommentatorin, die eine mögliche Begründung für fehelnde politische Inhalte gibt: Blogger*innen mit kritischen Inhalten werden angefeindet. Für viele scheint die Handarbeit so etwas wie eine Insel oder ein Schutzraum zu sein. Selbstgemachtes zu zeigen löst selten Grundsatzkonflikte aus, sondern gefällt oder gefällt eben nicht. Für einige scheint es dann einem persönlichen Angriff gleichzukommen, wenn beispielsweise daruaf hingewiesen wird, dass rassistische Begriffe keine gute Wahl zur Namensgebung für handgesponnene Garne sind (diesen Fall gab es vor Kurzem in einem Diskussionsforum). Einigen war es anscheinend nicht genehm, ein solch ernstes Thema in ihrer friedlichen Handarbeitsblase besprechen zu müssen und reagierte entsprechend abwehrend. Dass dadurch die Handarbeitsszene aber eben zu einem unsicheren Ort für z.B. Rassismusbetroffene wird, ist einigen Diskussionsteilnehmerinnen entweder nicht klar oder schlichtweg egal. Sie legten größeren Wert darauf, sich selbst zu verteidigen und Politisches aus ihrem Hobby fernzuhalten.

Kritik scheint in der Handarbeitsszene generell eher unerwünscht zu sein. Kommentare unter Blogposts sind meistens positiv und wertschätzend. Das ist irgendwo auch schön und entspannend und einige andere Blogszenen könnten sich hier teilweise eine Scheibe von abschneiden. Statt immer nur zu kommentieren, wenn im Artikel etwas nicht der eigenen Meinung entspricht, falsch ist oder ergänzt werden muss, wäre mehr Lob durchaus wünschenswert. Zustimmung zu Blogartikeln im politischen Kontext wird ja oft einfach durch Schweigen ausgedrückt, was schade ist. Andersrum wäre es uns aber wichtig, wenn in der Handarbeitsszene mehr kritisiert und weniger nach dem Mund geredet wird. Es gibt an einigen Stellen immer Verbesserungsvorschläge und die dürfen auch gemacht werden. Zum Beispiel auch zur Preispolitik einiger Shopinhaber_innen, rassistischen Bezeichnungen und der unerwünschten Reproduktion von Geschlechterstereotypen.

Was bedeutet das alles letztlich für uns? Menschen wie wir, die sich politisch äussern und weiterbilden, ziehen sich aus den üblichen Handarbeitskreisen zurück. Wir haben das Bedürfnis, uns abzugrenzen und zu rechtfertigen dafür, dass wir stricken oder spinnen. Für uns als Feministinnen ist Handarbeit auch immer politisch. Es kostet uns vielfach immer noch Überwindung, aber wir setzen uns bewusst in der Öffentlichkeit oder gar auf politischen Veranstaltungen hin und stricken oder spinnen. Wir wollen zeigen, dass das keine Widersprüche sind und dass die „trutschige Hausfrauenarbeit“ schlicht Handwerk ist. Andersrum lassen auch wir uns an manchen Tagen von den vorherrschenden Geschlechterbildern einschränken und bringen nicht die Kraft auf, mit Stereotypen zu brechen. Das sind die Tage, an denen wir in der Bahn lieber das Sachbuch als das Strickzeug auspacken, damit wir nicht wieder erklären müssen: „Ich stricke, aber…“

Kleidung. Eine Reflexion kultureller Codes, oder: Warum ich manchmal einen kurzen Rock anziehe.

Kleidung. Eine Reflexion kultureller Codes, oder: Warum ich manchmal einen kurzen Rock anziehe. published on 4 Kommentare zu Kleidung. Eine Reflexion kultureller Codes, oder: Warum ich manchmal einen kurzen Rock anziehe.

Kulturelle Codes

Die Frau ist selbst schuld, wenn sie so einen kurzen Rock anzieht und die Lippen rot macht! Also, natürlich nicht Schuld an einer Vergewaltigung, aber mit so einer Aufmachung sendet sie schon Signale aus! Wenn eine Frau einen kurzen Rock anzieht, dann heißt das doch, dass sie angemacht werden will. Sie macht sich doch hübsch – für die Männer. Und dann darf sie sich nicht beschweren, wenn ein Mann auch mal das Aussehen kommentiert!

Im Blick von Beobachtern

Das Zitat ist fiktiv und künstlich verdichtet. Aber es bringt ganz gut die Aussagen über eine verbreitete Ansicht auf den Punkt, wer denn Schuld habe, wenn sexistische Bemerkungen fallen. Ich möchte mich heute aber nicht an der Schuldfrage abarbeiten, sondern erklären, wieso von außen als „sexy“ wahrgenommene Kleidung unter Umständen vollkommen anders intendiert ist.

Statt hier eine Einführung in die Definition der Rape Culture zu geben (was andere an anderer Stelle viel schöner tun als ich), möchte ich Einblicke geben, warum ich mich anziehe, wie ich mich anziehe. Warum ich an manchen Tagen einen Minirock aus dem Schrank hole. Was das mit der Kultur zu tun hat, mit Zeichen und Codes. Und wieso das rein gar nichts damit zu tun hat, dass ich gern objektifiziert, bewertet oder sexistisch kommentiert werden würde.

Konstruktion eines Erscheinungsbildes

Jeden Morgen erfinde ich mich neu. Mit dem Griff in den Kleiderschrank wähle ich ein Äußeres für den Tag. Dieses Äußere, für das ich mich entscheide, korrespondiert mit meinem Inneren. Es gibt Tage, an denen ich mich um nichts in der Welt in eine enge Jeans zwängen würde. Und solche, an denen es nichts passenderes gibt. Zur Kleidung gesellt sich das Make-up als weitere Ausdrucksform. Mein „Schmink-Standardprogramm“ wechselt häufig. Und, klar, auch das Make-up ist nicht alleine ein Versuch, „hübsch“ auszusehen und damit eine Aussage darüber, was genau ich persönlich als hübsch definiere, an welchem Schönheitsideal ich mich orientiere. Es ist für mich ebenso Spiegel meiner Persönlichkeit und meiner Befindlichkeit wie meine Kleidung. Wenn ich also nach langer Zeit von Jeans und Nur-Lidstrich zu flatterndem Rock wechsle, die Haare wieder offen trage und einen knallroten Lippenstift auflege, dann will ich damit die Botschaft ändern, die ich nach außen sende.

Codes im sozialen Kontext

Bei dieser Selbst-Konstruktion bediene ich mich kulturell verankerter Codes. Ich verwende Bilder, Meme, Tropen, die im mir bekannten Kulturkontext existieren, um Aussagen über mich zu treffen. Ich stelle mit Hilfe von Zeichen Verbindungen her zwischen mir und dem Objekt, auf das ich referenzieren will. Ein einfaches Beispiel sind Cowboystiefel. Zieht sich ein Mensch Cowboystiefel an, weckt er*sie damit Assoziationen an Western, an Amerika, an Goldgräber*innen, Revolverheld*innen und so weiter.

Anders formuliert könnte man auch sagen: Ich lasse mich von diesen Assoziationen inspirieren. Mal ist es ein Foto in einer Zeitschrift, mal eine Frau, die ich auf der Straße sehe. Manchmal fasziniert mich die Kleidung einer Protagonist*in in einem Film, mit der ich mich identifizieren kann, und manchmal historische Persönlichkeiten. Solche Codes sind sehr praktisch, denn sie kommunizieren stark verdichtete Informationen zwischen Menschen, die sie verstehen. Aber das ist nicht immer der Fall. Stellen wir uns vor, ein Alien besuchte die Erde und sähe die Cowboystiefel aus unserem Beispiel. Was würde es sehen? Vermutlich die Funktion: ein fußumhüllendes Kleidungsstück aus stabilem Material, das vor dem direkten Kontakt mit dem Untergrund schützt. Das dürfte es dann gewesen sein. Mit den Details, die Cowboystiefel zu Cowboystiefeln machen – wadenhoch, oben etwas weiter, die Spitze ausgeprägt aber nicht spitz, kleiner Absatz, Schnalle – könnte es nichts anfangen. Denn diese Details übermitteln kulturell geprägte Botschaften, die einen Empfänger brauchen, der sie decodieren kann. Beim Decodieren passieren zwei Dinge: Menschen, die die Codes kennen, verstehen die Botschaft implizit, also z.B. „Langer, geschwungener Lidstrich und roter Lippenstift: Könnte eine 60s-Anleihe sein, vielleicht mag sie das aktuelle 60s-Musik-Revival oder Mad Men“.

Neben dem Inhalt der Botschaft wird aber auch klar, dass überhaupt ein gemeinsamer kultureller Hintergrund besteht, der das Lesen des Codes erst ermöglicht, was so ein Ingroup-Gefühl herstellt. Damit birgt die Verwendung von bestimmten Codes neben der Ausdrucksmöglichkeit zusätzlich die Chance, sich selbst einer Gruppe mit bestimmten Interessen und Werten zuzuordnen. Um ein Beispiel zu nennen: Eines meiner Kleider lässt mich ein wenig wie eine Priesterin im antiken Griechenland aussehen, ein zweites Kleid erinnert eher an eine Hippie. Funktional betrachtet unterscheiden sie sich kaum: Sie sind beide lang, beide aus Baumwolle, und beide nur für sehr warmes Wetter geeignet. Vielleicht bin ich heute besonders alternativ-öko-groovy drauf und will das auch zeigen. Welches Kleidungsstück ich wähle, hängt also nicht allein von funktionalen Aspekten ab, sondern davon, wie ich mich fühle, wie ich mich darstellen möchte. Ich bediene mich der Codes, um Hinweise darauf zu geben, wie ich meine Position in der Gesellschaft sehe, wie meine Stimmung heute ist oder wie ich wahrgenommen werden will. Wähle ich also das Hippie-Kleid, bin ich auf jeden Fall unbeschwerter, lockerer, grooviger unterwegs als in meinem Priesterin-der-Athene-Outfit. Aber Menschen, die die Codes nicht kennen, verstehen nichts.

Encodieren, decodieren

Zusammengefasst bediene ich mich also kulturell verankerter Codes, um Botschaften auszusenden. Das tut jede*r von uns, wenn auch in unterschiedlichem Maße, in verschieden starker Reflektiertheit und aus unter Umständen unterschiedlichen Quellen. Dadurch, dass nicht alle Quellen allen Menschen gleich zugänglich oder gleich präsent sind, stelle ich entweder eine Ingroup-Beziehung zu jemandem her, der*die die Codes lesen kann – oder tue genau das nicht. Kann jemand die Codes nicht lesen, ist schwer zu vermeiden, dass sie – von der Outgroup – falsch gelesen werden. Wo ich vollkommen blind für die Bedeutung von Markenkleidung bin (sind Hosen von Adidas gerade „cooler“ als Levi’s? Bin ich mit Nike sportlicher unterwegs als mit Puma? Ist Hollister trendiger als Hilfiger?), können andere nicht auf die Kunst der griechischen Antike zugreifen.

Natürlich verändert sich die Konnotation auch über die Zeit. Alte Assoziationen lösen sich auf, neue kommen hinzu. War die Jeans am Anfang ihrer Geschichte nichts als ein robustes Kleidungsstück für Arbeiter*innen, wurde sie in den 1950ern zu einem Code für gesellschaftlichen Ungehorsam und Rebellion, gerade, indem sich die Träger*innen in die Tradition der Arbeiter*innen stellten. Heutzutage sind Jeans kaum noch revolutionär und haben sogar in den Dresscode Einzug gehalten.

Objektifizierung

All das überlege ich, mal mehr elaboriert, mal weniger, wenn ich mich für oder gegen Kleidung entscheide. Und, um es ganz klar zu sagen: Nein, ich überlege mir nicht, ob ich damit Männer anmache. Wozu auch? Ich bin exklusiv liiert und nicht auf der Suche. Und ich empfinde Pfiffe, derbe Sprüche und gierige Blicke auch nicht als Kompliment. Wenn ich etwas Figurbetontes trage, dann, weil ich mich gerade in meinem Körper wohl fühle. Und erst, wenn ich an unangenehme Blicke in der S-Bahn oder billige Anmachen denke, frage ich mich, ob mein Outfit zu gewagt ist, etwa mein Priesterin-der-Athene-Kleid zu durchsichtig oder mein Hippiekleid zu schulterfrei. Und meine Frage lautet dann: „Kann ich das trotzdem anziehen?“ und nicht: „Ich möchte das gern deswegen tragen!“

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