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Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext

Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext published on 43 Kommentare zu Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext

jenesuispascharlie

[CN für alle Links: Rassismus] Frankreich trauert. Europa, die Welt, wir alle trauern um zwölf Menschen. Das Massaker an den Redakteuren von Charlie Hebdo ist ein abscheuliches Verbrechen, eine Tat, die keine Rechtfertigung kennt. Die Morde sind furchtbar, schrecklich, widerlich. Es gibt kein Drumherumreden.

Dennoch bin ich nicht Charlie. Ich trauere um die Toten, aber ich will mich nicht mit einem Satireblatt identifizieren, das allzu oft Rassismen und Islamophobie reproduziert hat. Seit ich diese Tendenzen benenne, wird mir unterstellt, ich wäre irgendwie auf der Seite der Attentäter. Ich würde „victim blaming“ betreiben. Nele Tabler ärgerte sich so sehr über Menschen, die der Meinung sind, Charlie Hebdo könnte mit einigen Bildern Rassismus reproduziert haben und sei deshalb nicht vollkommen unkritisch zu lesen, dass sie einen Blogbeitrag dazu schrieb. Darin schreibt sie:

Obwohl ich schon seit vielen Jahren keine Ausgabe von Charlie Hebdo mehr in der Hand hatte, befindet sich unter den Beispielen auch eine Karikatur, die ich nicht nur kenne, sondern die sogar in meinem Arbeitszimmer an der Wand hängt. Es stellt die französische Justizministerin Christiane Taubira, eine PoC, als Affen dar.

[…] Dass vor knapp zwei Jahren in Frankreich die Ehe für alle (Mariage pour tous) in Kraft trat, ist vor allem der Entschiedenheit, dem Einsatz und den rhetorischen Fähigkeiten von Christiane Taubira zu verdanken. […] Im November 2013 zeigte das Cover der rechten Wochenzeitung Minute ein Foto von ihr und titelte: Maligne comme une singe. Taubira retrouve la banane. (Schlau wie ein Äffin. Taubira trifft [?] eine Banane. [Bin mir unsicher, wie mit welchem Wortsinn retrouver hier übersetzt werden soll]. Schon zuvor war die Ministerin auf Facebookseiten und Demoplakaten mehrmals als Affe bezeichnet worden.

[…] Irgendwann in jenen #idpet Wochen wachte ich nachts auf und wusste plötzlich, was Charlie Hebdo mit der Affenkarikatur bezwecken wollte. Ich wünschte mir das Talent und die Kreativität, jene Hasskommentare ebenso bildlich umsetzen zu können. In eine Karikatur, die klipp und klar zeigt: Das wird gesagt. Das ist gemeint. So sind diese Leute unterwegs. Ein einziges Bild, das mit der ganzen Schlechtigkeit im Gedächtnis hängen bleibt. Und nicht nur eine wage Erinnerung an „Überempörung“, weil inzwischen doch alles wieder gut ist.

Leider kann ich weder zeichnen noch hatte ich entsprechende Ideen, wie so etwas umgesetzt werden könnte. […] Mir blieb nur, die Affenkarikatur auszudrucken, zu rahmen und an die Wand zu hängen.

Ich verstehe sie so, dass sie diese satirische Darstellung (hier ein Link zu einem Tweet mit dem Bild) für sich umdeutete, „verstand“. Dass sie im Kontext ihrer eigenen, höchst negativen Medienerfahrung etwas Positives für sich herauszog. Und sich daher die Karikatur rahmte und an die Wand hängte.

Nele Tabler plädiert dafür, Karikaturen und Satire streng im Kontext zu lesen, in dem sie entstanden. Das ist ein hehrer Wunsch. Spätestens seit dem Beginn der Postmoderne machen sich Inhalte gern selbstständig, werden zitiert, herumgereicht, kurz: entkontextualisiert. Daher ist der Forderung, einen Inhalt streng im Kontext zu lesen, heutzutage gar nicht so einfach beizukommen. Fehlende Kontexte müssen erst mühsam recherchiert werden, und wer macht sich diese Mühe noch in unserer schnellebigen Zeit?

Was bleibt, sind die Bilder, die Inhalte. Und diese normalisieren Rassismus. „Es ist in Ordnung, Schwarze Menschen als Affen darzustellen!“, sagen sie. „Ist doch lustig, lacht halt einfach mit!“, fordern sie.

Vergessen wird bei dieser Argumentation um die Berücksichtigung von Kontext, dass auch Rassismus Kontext hat. Blackface, zum Beispiel. „Ist doch lustig, sich mal als wer anders zu verkleiden! Schwarze dürfen sich doch auch weiß anmalen, wieso also nicht weiße schwarz?“ Kontext, Kontext! Blackface hat, ebenso wie rassistische Karikaturen, eine lange Tradition. Eine Verletzungsgeschichte, die auf der Vormacht weißer Menschen aufbaut und die die Gefühle, Meinung, Würde von Schwarzen Menschen außen vor lässt. Nein, es ist nicht ok, sich sein Gesicht „mit Schuhcreme, Kohle, was auch immer“ anzumalen und Schwarz zu „spielen“. Und nicht nur, dass wir Weißen gern den Kontext von Rassismus vergessen (wie bequem!), nein, mit derartigen „lustigen“ Aktionen werden auch die Rassismuserfahrungen von PoC entkräftet.

Vielleicht würde ein Foto von Christiane Taubira, wie sie sich selbst gern in der Öffentlichkeit zeigt, sich ebenso gut an Nele Tablers Wand machen, eine ähnliche Botschaft aussenden – und ihr auch noch respektvoll begegnen.

christiane_taubira

Im Zuge des germeinsamen Weges zu mehr Awareness daher mein Appell: Trauert um die Opfer des furchtbaren Mordanschlags. Ich tue es auch. Und überdenkt dennoch, ob ihr wirklich ganz und gar hinter den Inhalten von Charlie Hebdo stehen wollt – in aller Konsequenz.

 

Nachtrag vom 14.01.2015: Liebe Nele Tabler: Ich biete dir hiermit an, die von dir vermisste Karikatur von dir zu malen. Vielleicht ist das ein erster Schritt aufeinander zu.

Mutwillensbekundung

Mutwillensbekundung published on

Ich will öffentlich Feministin genannt werden, bis das Wort kein Schimpfwort mehr ist.

Ich werde das Konstrukt „Geschlecht“ hinterfragen, und gleichzeitig vorbehaltlos akzeptieren, wenn sich jemand „Mann“ oder „Frau“ nennt. Oder weder noch. Oder beides.

Ich werde wütend sein und unbequem und laut.

Ich werde mich nicht zurückhalten.

Ich werde jedes Mal, wenn ich mich über etwas ärgere, etwas ändern. Jedes verdammte Mal!

Ich werde das Jammern denen überlassen, die sich mit der Welt abgefunden haben. Ich werde diese Welt zu meiner machen!

Ich werde Homophobie, Rassismus, Sexismus und Transfeindlichkeit, die ich erlebe oder die ich mitbekomme, als Diskriminierung entlarven.

Ich werde Diskussionen zu diesen Themen als Chance begreifen, etwas zu verändern und Menschen zum Nachdenken zu bringen.

Ich weiß, dass neues Wissen gewollt werden muss, und ich werde daher Hilfe zur Selbsthilfe geben. Und keine fertigen Lösungen.

Ich werde Macht dort, wo sie auf Privilegien beruht, nicht anerkennen und sie öffentlich anzweifeln.

Ich werde meine eigenen Privilegien hinterfragen. Und sie einsetzen, um nicht-priviligierten Menschen Raum und Gehör zu schaffen.

Ich werde nicht für andere marginalisierte Gruppen mitsprechen, sondern die Klappe halten und ihnen Raum lassen.

Ich werde niemanden „mitmeinen“. Ich werde sagen, wen ich meine. Ins Gesicht.

Ich werde mich verbünden, mit Gleichgesinnten zusammenrotten und vernetzen.

Ich werde solidarisch und, wenn nötig, nachsichtig sein mit Menschen, die das gleiche (oder ähnliches) erreichen wollen wie ich.

Ich will den besten Weg finden, Einfluss zu nehmen, und dann alles tun, was ich kann, damit sich die richtigen Dinge ändern.

Ich werde meine Aufmerksamkeit denen geben, die Achtung und Respekt haben, und denen nehmen, die hassen und verletzen.

Ich werde anstreben, meine Arbeitskraft denen zu geben, die meine Überzeugungen teilen, und denen entziehen, die sie mit Füßen treten.

Ich werde in Kaufhäuser gehen und die Spielsachen „für Jungs“ mit denen „für Mädchen“ mischen.

Ich werde meine ganze Kraft einsetzen, um jeden Tag etwas zu bewegen. In den Köpfen der Menschen und in der Welt.

Ich werde Produkte und Medien machen, unterstützen und kaufen, die nicht „Sparte“ sind und die von queeren Menschen, People of Color und antistereotypen Personen nur so strotzen oder von denen sie profitieren.

 

Ich will die Welt ändern und noch heute damit anfangen. Nicht morgen. Nicht gleich.

Jetzt.

 

Das Manifest entstand im Laufe des heutigen Tages auf Twitter unter dem Hashtag #mutwillig.

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