TQ – Der k_eine Unterschied Wir erobern die Nacht zurück! Wed, 15 Jul 2015 12:21:28 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.6.1 /wordpress/wp-content/uploads/2014/11/favicon_fb512-54735915_site_icon-32x32.png TQ – Der k_eine Unterschied 32 32 Bitte recht natürlich! /bitte-recht-natuerlich/ /bitte-recht-natuerlich/#comments Fri, 10 Jul 2015 18:34:26 +0000 /?p=1658 Continue reading Bitte recht natürlich! ]]> strawberries_sml

Immer wieder höre ich in Diskussionen irgendwo im Gebiet Feminismus das Argument: “Das ist doch nicht natürlich!” Oder, in der die eigene Argumentationslinie stützenden Variante: “Das ist eben natürlich!” Gerade neulich bin ich dem Argument wieder begegnet, als es ums Stillen ging: Stillen, ja, das ist natürlich! Und damit gut. Und Flaschennahrung ist unnatürlich. Und somit schlecht.
Interessant ist es schon, dieses Argument der Natürlichkeit. Denn wir als menschliche Spezies sind eigentlich nicht unbedingt für unsere Nähe zur Natur bekannt, eher das Gegenteil ist der Fall: Wir grenzen uns gerade durch unsere zivilisatorischen Errungenschaften von der Tierwelt ab.

Denken wir das fertig

Aber lassen wir das Argument zu: Natürlichkeit ist Unnatürlichkeit vorzuziehen. Wenn wir diesen Schritt machen, müssen wir allerdings auch betrachten, welche anderen Bereiche von unnatürlichen Veränderungen berührt sind.
Beginnen wir mit den vergleichsweise modernen Erfolgen unserer Zivilisation: Wir müssten ein Leben ohne Strom führen, ohne fließendes Wasser und ohne moderne Medizin. Antibiotika zählen dazu ebenso wie moderne Operationen , von Zahnersatz über die Entfernung der Galle bis hin zum Kaiserschnitt. Und wenn wir schon dabei sind: Zahnpflege generell ist ebenfalls eine vergleichsweise neumodische Erfindung , die wir keinesfalls als natürlich einordnen können.
Selbstverständlich müssten wir auch unsere Ernährung natürlicher gestalten. Ich spreche hier nicht von dieser Paläo-Diät, die sich gern an eingeflogenen exotischen Früchten (Avocados, anyone?), durch Kreuzung und Selektion optimiertem Gemüse oder gar Fleisch bedient. Nein, ich spreche davon, was jeder von uns als einzelner Mensch, ganz ohne unnatürliche Zivilisation, Ackerbau oder Jagdgemeinschaft an lokal vorhandenen Dingen essen kann. Da bleibt nicht viel übrig. Nicht umsonst betrug die durchschnittliche Lebenserwartung im Paläolithikum magere 33 Jahre , bevor sie vermutlich dank von Vieh übertragenen Krankheiten, Mord und Totschlag nach der neolithischen Revolution auf nur noch 20 Jahre sank.
Und dabei lebte der Mensch im Neolithikum bereits keineswegs mehr ganz natürlich. Schon hier existierten zivilisatorische Strukturen, Werkzeuge, ach, und unnatürliche Sprache.
Teufelszeug.

Wie natürlich ist Heteronormativität?

Auch in Sachen sexueller Identität und Orientierung erfreut sich das Natürlichkeitsargument großer Beliebtheit: Genau eine Paarung wird als “natürlich” proklamiert, die monogame Verbindung zwischen einem Cis-Mann und einer Cis-Frau. Aber wie natürlich ist diese Natürlichkeit, wenn wir einmal genauer hinschauen? Es gibt massenhafte Belege für Homo- und Bisexualität bei Tieren, so dass ich an dieser Stelle auf einige Überblicksartikel zu dem Thema verweisen möchte. Laut Wikipedia ist Homosexualität bei rund 1500 Tierarten nachgewiesen. Und was ist natürlicher, als das natürliche Verhalten natürlicher Tiere in der Natur?
Und auch unsere traditionellen Geschlechterrollen, die einige Menschen bereitwillig als natürlich voraussetzen, wackeln stark. Denn bei genauer Betrachtung schält sich heraus, dass die historische Zuweisung von Menschen zu Geschlechterrollen an sich nicht so simpel ist , wie manche Historiker*innen und Archäolog*innen das in der Vergangenheit gern dargestellt haben.

Ein anderer Argumentationszweig befasst sich mit der Natürlichkeit von Sex zum Zweck der Fortpflanzung. Natürlich ist demnach, was Kinder zeugen kann.
Interessanterweise höre ich dieses Argument oft von sexuell aktiven Heterosexuellen, bei denen ich davon ausgehe, dass ihre Kinderlosigkeit bewusst herbeigeführt ist, sprich: auf unnatürlichen Verhütungsmitteln basiert. Sex, der allein dem Spaß dient statt unserer Fortpflanzung, ist in logischer Konsequenz dieses Arguments unnatürlich. Genau wie Partner*innenschaften von Menschen, die keine Kinder zeugen können. Heißt das, dass unfruchtbare Menschen nur unnatürlichen Sex haben können? Und dürfen sie Sex haben, wenn er doch keine Kinder hervorbringen kann?
Und wie sieht es bei Sex im Alter aus, kann der noch als natürlich gelten, wenn aus dem Geschlechtsakt keine Kinder entspringen können?

Natürlichkeit als Ergebnis von Interpretation

Wenn wir hier noch einen Schritt weiter denken, stoßen wir auf die nächste Frage: Wie natürlich kann unsere binäre Geschlechtszuweisung überhaupt sein, wenn es eine Vielzahl von chromosomalen, gonadalen, hormonellen oder anatomischen Merkmalen gibt, entlang derer wir Geschlecht erst definieren müssen? Wie viele Geschlechter bekommen wir, wenn wir auch nur einige dieser Faktoren durchvariieren ? Erweitern wir dies noch um den ethnologischen Blick auf Kulturen , die selbstverständlich mehr als zwei Geschlechter kennen oder andere Zuordnungen zu Geschlechtern leben, stellt sich schnell die Frage, ob wir durch die Masse der heteronormativen, binärgeschlechtlichen Darstellung in unserem Kulturkreis zwangsläufig von Natürlichkeit sprechen dürfen.

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Was bleibt also übrig von der heraufbeschworenen Natürlichkeit? Wenn wir konsequent sind: Nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die “natürliche Geschlechterrollen”, “natürliche Sexualität” oder “natürliche Babyernährung” fordern, Natürlichkeit in der letzten Konsequenz wollen würden.
Womit das Argument beliebig wird: Wenn jede*r frei definieren kann, was natürlich ist und was nicht, haben wir es nicht mehr mit einem Argument zu tun, sondern bestenfalls mit einer polemischen Floskel, die dann verwendet wird, wenn gerade ein Totschlagargument fehlt.

Ich für meinen Teil lasse mein Verhalten nicht in den Kategorien “natürlich vs. unnatürlich” bewerten. Ihr seht ja, wo das hinführt!

tl;dr: Bei “Natürlichkeit” handelt es sich um ein Pseudoargument, das die Nutzenden so verwenden, wie es ihnen in den Kram passt. Es ist ungültig.

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Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext /kontext-zu-rassismus-rassismus-im-kontext/ /kontext-zu-rassismus-rassismus-im-kontext/#comments Thu, 08 Jan 2015 17:55:07 +0000 /?p=1403 Continue reading Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext ]]> jenesuispascharlie

[CN für alle Links: Rassismus] Frankreich trauert. Europa, die Welt, wir alle trauern um zwölf Menschen. Das Massaker an den Redakteuren von Charlie Hebdo ist ein abscheuliches Verbrechen, eine Tat, die keine Rechtfertigung kennt. Die Morde sind furchtbar, schrecklich, widerlich. Es gibt kein Drumherumreden.

Dennoch bin ich nicht Charlie . Ich trauere um die Toten, aber ich will mich nicht mit einem Satireblatt identifizieren, das allzu oft Rassismen und Islamophobie reproduziert hat. Seit ich diese Tendenzen benenne, wird mir unterstellt, ich wäre irgendwie auf der Seite der Attentäter. Ich würde „victim blaming“ betreiben. Nele Tabler ärgerte sich so sehr über Menschen, die der Meinung sind, Charlie Hebdo könnte mit einigen Bildern Rassismus reproduziert haben und sei deshalb nicht vollkommen unkritisch zu lesen , dass sie einen Blogbeitrag dazu schrieb . Darin schreibt sie:

Obwohl ich schon seit vielen Jahren keine Ausgabe von Charlie Hebdo mehr in der Hand hatte, befindet sich unter den Beispielen auch eine Karikatur, die ich nicht nur kenne, sondern die sogar in meinem Arbeitszimmer an der Wand hängt. Es stellt die französische Justizministerin Christiane Taubira, eine PoC, als Affen dar.

[…] Dass vor knapp zwei Jahren in Frankreich die Ehe für alle (Mariage pour tous) in Kraft trat, ist vor allem der Entschiedenheit, dem Einsatz und den rhetorischen Fähigkeiten von Christiane Taubira zu verdanken. […] Im November 2013 zeigte das Cover der rechten Wochenzeitung Minute ein Foto von ihr und titelte: Maligne comme une singe. Taubira retrouve la banane. (Schlau wie ein Äffin. Taubira trifft [?] eine Banane. [Bin mir unsicher, wie mit welchem Wortsinn retrouver hier übersetzt werden soll]. Schon zuvor war die Ministerin auf Facebookseiten und Demoplakaten mehrmals als Affe bezeichnet worden.

[…] Irgendwann in jenen #idpet Wochen wachte ich nachts auf und wusste plötzlich, was Charlie Hebdo mit der Affenkarikatur bezwecken wollte. Ich wünschte mir das Talent und die Kreativität, jene Hasskommentare ebenso bildlich umsetzen zu können. In eine Karikatur, die klipp und klar zeigt: Das wird gesagt. Das ist gemeint. So sind diese Leute unterwegs. Ein einziges Bild, das mit der ganzen Schlechtigkeit im Gedächtnis hängen bleibt. Und nicht nur eine wage Erinnerung an „Überempörung“, weil inzwischen doch alles wieder gut ist.

Leider kann ich weder zeichnen noch hatte ich entsprechende Ideen, wie so etwas umgesetzt werden könnte. […] Mir blieb nur, die Affenkarikatur auszudrucken, zu rahmen und an die Wand zu hängen.

Ich verstehe sie so, dass sie diese satirische Darstellung (hier ein Link zu einem Tweet mit dem Bild ) für sich umdeutete, „verstand“. Dass sie im Kontext ihrer eigenen, höchst negativen Medienerfahrung etwas Positives für sich herauszog. Und sich daher die Karikatur rahmte und an die Wand hängte.

Nele Tabler plädiert dafür, Karikaturen und Satire streng im Kontext zu lesen, in dem sie entstanden. Das ist ein hehrer Wunsch. Spätestens seit dem Beginn der Postmoderne machen sich Inhalte gern selbstständig, werden zitiert, herumgereicht, kurz: entkontextualisiert. Daher ist der Forderung, einen Inhalt streng im Kontext zu lesen, heutzutage gar nicht so einfach beizukommen. Fehlende Kontexte müssen erst mühsam recherchiert werden, und wer macht sich diese Mühe noch in unserer schnellebigen Zeit?

Was bleibt, sind die Bilder, die Inhalte. Und diese normalisieren Rassismus. „Es ist in Ordnung, Schwarze Menschen als Affen darzustellen!“, sagen sie. „Ist doch lustig, lacht halt einfach mit!“, fordern sie.

Vergessen wird bei dieser Argumentation um die Berücksichtigung von Kontext, dass auch Rassismus Kontext hat. Blackface , zum Beispiel. „Ist doch lustig, sich mal als wer anders zu verkleiden! Schwarze dürfen sich doch auch weiß anmalen, wieso also nicht weiße schwarz?“ Kontext, Kontext! Blackface hat, ebenso wie rassistische Karikaturen, eine lange Tradition . Eine Verletzungsgeschichte, die auf der Vormacht weißer Menschen aufbaut und die die Gefühle, Meinung, Würde von Schwarzen Menschen außen vor lässt. Nein, es ist nicht ok, sich sein Gesicht „mit Schuhcreme, Kohle, was auch immer“ anzumalen und Schwarz zu „spielen“. Und nicht nur, dass wir Weißen gern den Kontext von Rassismus vergessen (wie bequem!), nein, mit derartigen „lustigen“ Aktionen werden auch die Rassismuserfahrungen von PoC entkräftet.

Vielleicht würde ein Foto von Christiane Taubira, wie sie sich selbst gern in der Öffentlichkeit zeigt, sich ebenso gut an Nele Tablers Wand machen, eine ähnliche Botschaft aussenden – und ihr auch noch respektvoll begegnen.

christiane_taubira

Im Zuge des germeinsamen Weges zu mehr Awareness daher mein Appell: Trauert um die Opfer des furchtbaren Mordanschlags. Ich tue es auch. Und überdenkt dennoch, ob ihr wirklich ganz und gar hinter den Inhalten von Charlie Hebdo stehen wollt – in aller Konsequenz.

Nachtrag vom 14.01.2015: Liebe Nele Tabler: Ich biete dir hiermit an, die von dir vermisste Karikatur von dir zu malen. Vielleicht ist das ein erster Schritt aufeinander zu.

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Feminist Fun: Das böse F-Wort /feminist-fun-das-boese-f-wort/ /feminist-fun-das-boese-f-wort/#respond Fri, 21 Nov 2014 13:19:20 +0000 /?p=1169

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Rollen zählen – Frauen zählen advanced /rollen-zaehlen-frauen-zaehlen-advanced/ /rollen-zaehlen-frauen-zaehlen-advanced/#comments Mon, 03 Nov 2014 21:29:09 +0000 /?p=1114 Continue reading Rollen zählen – Frauen zählen advanced ]]> Alien-Spitzwegerich

(Ich rede in diesem Text viel von Frauen und Männern. Mir ist bewusst, dass Geschlecht sozial konstruiert ist, und ich meine, wenn ich die Begriffe „Mann“ und „Frau“, „männlich“ und „weiblich“ im Text verwende, stets diese soziale, kulturell geprägte Lesart. Auch ist mir bewusst, dass Geschlecht eher einem Kontinuum als binären Kategorien entspricht.)

Gerade habe ich die Glotze ausgemacht. Und ich bin sauer. Denn ich habe wieder einmal Frauen gezählt .

Naja, ich bin ja selbst Schuld: Seit einiger Zeit schon zähle ich Frauen. In Führungsetagen, in Filmen, bei Events , in Talkrunden, in Musikbands, auf Wahllisten. Ich zähle Frauen, um einen Eindruck zu gewinnen: Wie sehr haben sich die Menschen bemüht, diese simpelste Dimension von Diversität zu honorieren? Wenn sich in einer Diskussionsrunde unter sieben Männern nur eine Frau befindet, ruft das bei mir Stirnrunzeln hervor. Sind weibliche Lebensrealitäten (Plural!) hier nicht von Interesse, oder gar unerwünscht? Wurden Frauen einfach vergessen? Oder haben die Produzenten einfach nur ihre Dudebros gefragt, statt ernsthaft nach Expert*innen zu suchen?

Es ist unbestreitbar: Repräsentation ist wichtig! Gibt es keine Frauen in Führungsetagen, sendet das die Botschaft aus: Frauen sind hier nicht willkommen. Gibt es keine tragenden weiblichen Rollen in einem Film, sagt das: Die Geschichten von Frauen verdienen es nicht, erzählt zu werden. Gibt es nur eine weibliche Rolle, sagt das: Hey schau, wir haben sie doch drin – die Frau. Die eine. Die, die wie alle Frauen ist. Gleich. Immer gleich.

Aber zurück zu heute Abend. Ich habe die Sendung „ Der Haushalts-Check mit Yvonne Willicks – Waschen“ gesehen. Nach der Tagesschau bin ich daran hängen geblieben, und naja, es ist mir so passiert. Nach kurzer Zeit des Frauenzählens wurde ich allerdings misstrauisch: Da waren so viele Frauen! Fast nur Frauen! Eine Frau führt durch die Sendung, Frauen werden auf der Straße befragt, zu Hause besucht. Eine längere Szene betrachtete ein ganzes Dorf, und man sah hier – Frauen! Frauen über Frauen! Insgesamt zwei Männer konnte ich ausmachen, sie standen verschämt am Rand der Gruppe von geschätzt 40 Frauen auf der Dorfwiese.

Auffällig war aber auch: Immer, wenn es darum ging, Profis zu bestimmten Themen zu Wort kommen zu lassen, war von Frauen plötzlich nicht mehr die Spur. Die Frauenquote brach ein und landete nach Befragung von insgesamt 4 Experten bei: 0%. Da werden mehrere Dutzend Frauen zum Wäschewaschen befragt, aber die, deren Meinung Gewicht hat, an die wir uns hinterher erinnern – sind männliche Experten.

Das Phänomen Expertenmann

Die Gleichung „Profi / Expert*in in Frauendingen = Mann“ ist bedauerlicher Weise weit verbreitet. Da stylen im Frühstücksfernsehen Expertenmänner Frauen um , die einfach nicht wissen, wie sie sich vorteilhaft schminken sollen. Expertenmänner zeigen Models, wie sie sich sexy auf dem Laufsteg bewegen , auch auf unmenschlich hohen Schuhen . Expertenmänner bewerten Geschmack und Stil von Frauen . Denn sie wissen es ja besser, denn ihr Geschmack ist unfehlbar. Männer schneiden Frauen die Haare , besser, als sie es selbst je könnten.

Eingedampft sendet dies in etwa folgende Botschaft aus: Eine Frau, die nur ihr Leben lebt, sich anzieht, vielleicht schminkt, vielleicht nicht, die eventuell den Haushalt macht, egal, ob sie noch einen anderen Beruf hat oder nicht, naja, die ist halt einfach kein Profi! Die hat dieses Frau-sein ja nicht irgendwo professionell gelernt! Also, da sollte mal ein Mann kommen und ihr zeigen, wie das richtig geht!

Männer, Experten in allen Dingen. Und Frauen, Expertinnen für nichts.

Rollen zählen

Womit ich wieder beim Wäsche waschen wäre. Denn hier stoße ich mit einfachem „Frauen zählen“ auf ein Problem: Würde ich einfach nur Frauen zählen, ungeachtet der Rolle, in der sie präsentiert werden (sic!), müsste ich zu dem Schluss kommen, dass Frauen hier doch recht passabel wegkommen: Es werden eine Menge Frauen gezeigt. Sicher, jede nur kurz, aber da!

In komplexen Settings, gerade in Film und TV, in denen nicht jeder auftretenden Person eine ähnlich starke Rolle zuteil wird, sondern in denen hierarchische Gefälle dargestellt werden, lohnt es, genau hinzuschauen. Wenn beispielsweise Expert*innen mit ahnungslosen Personen kontrastiert werden, ist es sinnvoll, statt Frauen Rollen zu zählen . Und das geht so: Statt nur die Häufigkeit von Frauen zu betrachten, wird auch die Rolle hinzugenommen, in der sie auftreten. Das kann auf einfachem Niveau geschehen: Wie viele Frauen tauchen auf, die Fragen stellen, ohne je eine zu beantworten? Wie viele Frauen werden als Expert*innen gezeigt? Wie viele in Gebieten, die nicht stereotyp weiblich konnotiert sind?

Diese zusätzliche Dimension deckt Stereotype auf, wo sich Formate einen progressiven Anstrich geben wollen, aber nicht aus ihrem eigenen Vorurteilssumpf herausschauen können. Und weiter nur Stereotype reproduzieren, anstatt Rollenklischees aufzubrechen.

Aber Vorsicht: Es gibt keinen Weg zurück. Wer mit dem Rollen zählen begonnen hat, blickt in den Abgrund. Und muss vielleicht feststellen, dass für manche Menschen bis heute unvorstellbar ist, dass eine weibliche Expertin etwas Erhellendes zum Thema Waschen beitragen kann.

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Awareness oder Awareless: Gedanken zum Fehlermachen /awareness-oder-awareless-gedanken-zum-fehlermachen/ /awareness-oder-awareless-gedanken-zum-fehlermachen/#comments Wed, 29 Oct 2014 18:41:40 +0000 /?p=1104 Continue reading Awareness oder Awareless: Gedanken zum Fehlermachen ]]> diegruetze

Ich habe vor einigen Tagen Scheiß gebaut. Begonnen hat alles mit dem Artikel über Jürgen von der Lippe, der einen Schwall misogyner, biologistischer Äußerungen und flacher Witze losließ und es damit auf Spiegel online schaffte. So weit, so normal, so traurig. Es ist an der Tagesordnung, dass weiße Cis-Männer Stimmung machen gegen Gruppen, denen sie nicht angehören. Mich macht das jedes Mal traurig und wütend, zumal die Argumentationslinien eigentlich immer von vollständiger Unfähigkeit zum Aneinanderreihen logischer Schlüsse sowie mangelnder Empathie zeugen.

Ich wähle in solchen Fällen oft einen satirischen Umgang mit dem aktuellen Stein des Anstoßes: Ich versuche, die Aussagen weiter zu überspitzen und so auch für die un-awarste Person der Welt ins Absurde zu treiben. Mir hilft das meist, Distanz zum Thema zu bekommen.

Dieses Mal griff ich damit allerdings vollkommen ins Klo. Denn meine eigene Satire ließ sich nicht von dem Flachwitz von Herrn von der Lippe unterscheiden. Im Gegenteil, mein Verhalten war leicht so lesbar, dass ich die misogyn-biologistische Meinung unterstützte!
Ich merkte das allerdings erst, als ich auf Twitter darauf hingewiesen wurde. Mehrfach.

Zunächst verhielt ich mich nicht eben wie eine erwachsene Person, wenn sie einen Call-out erhält: Ich blockte ab, leugnete, relativierte. Ich rechtfertigte mich, forderte für mich Verständnis ein und verstand die Argumente meiner Kritiker*innen nicht. „Ich bin doch Queer-Feministin, die sind doch per definitionem nicht biologistisch, wie kann ich da biologistische Scheiße verzapfen?“ So lautete mein inneres Argument, das mich davon abhielt, weiter nachzudenken und mit unvoreingenommenen Augen meine eigenen Aussagen anzuschauen.

Tja, Pustekuchen. Denn natürlich kann sich auch eine Queer-Feministin kacke und biologistisch verhalten – zum Beispiel, wenn sie ihr Verhalten in bestimmten Kontexten sieht – und die Augen vor anderen Kontexten verschließt.

Inzwischen sehe ich meinen Fehler deutlich. Und auch, wenn ich etwas „nicht so gemeint habe“, gilt natürlich: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht. Ebenso, wie Frauen* sexistisch sein können, kann auch ich als Queer-Feministin biologistische Diskriminierung reproduzieren. Auch klar ist mir inzwischen, dass ich durch mein unawares und unreflektiertes Verhalten Menschen verletzt habe. Dafür möchte ich hier nochmals um Entschuldigung bitten – rückgängig machen kann ich das Geschehene leider nicht.

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Ich bin sehr froh um diejenigen, die Stellung bezogen haben gegen meine Aussagen. Und um die, die die Zeit und Kraft gefunden haben, sich mit meinem Verhalten auseinanderzusetzen und mir zu erklären, wo ich meinen Fehler nicht von mir aus gesehen habe. Dass diese Art von Feedback nicht einforderbar ist, ist mir bewusst, und umso dankbarer bin ich, es erhalten zu haben.

Menschen werden nicht aware für Diskriminierungen geboren, im Gegenteil: Die Mechanismen der Sozialisation tun ihr Möglichstes, sie früh in den Mainstream einzupassen, und der ist alles, aber nicht aware. (Ich verwende die Begriffe „Awareness“ und „aware sein“ im Sinne der Bewusstheit, dass vielfältige Diskriminierungsstrukturen existieren, von denen einige profitieren und von denen andere ausgeschlossen sind, und dem daraus folgenden Wunsch, diese Strukturen mindestens im eigenen Handeln und Denken zu überwinden.) Natürlich gibt es auch Menschen, die Diskriminierungen und die dahinterliegenden Strukturen schon früh erkennen gelernt haben, sei es durch Erziehung oder eigene frühe Lernerfahrungen. Die Regel ist das aber leider nicht.

Für mich war mein persönliches Aware-Werden ein Prozess, der nicht gerade systematisch verlief. Ich bin da so irgendwie reingestolpert, Schrittchen für Schrittchen, weil mir Menschen wichtig sind. Alle Menschen. Nicht nur die schönen schlanken weißen Upperclass-Cis-Heten, die einer überall um die Ohren gehauen werden. Und irgendwann auf dem Weg begann ich, Diskriminierungen wahrzunehmen. Erst in einem Bereich, dann in einem weiteren, und so weiter. Ich habe die einschlägigen Werke der feministischen Primärliteratur nicht gelesen. Mein Zugang ist hemdsärmelig. Ich bin eine von denen, die im Bereich Antidiskriminierung die Sekundärliteratur bevorzugt. Weil sie meist näher an meinem Alltag und verständlicher aufbereitet ist, und weil meine Kapazitäten für theoretische Abhandlungen begrenzt sind durch meine berufsbedingte Beschäftigung mit karger Fachliteratur.

Auch darum mache ich Fehler, und ich mache sie nicht zu knapp. Vor wenigen Jahren noch wäre ich eine von denen gewesen, die nicht verstanden hätte, was Cis-Sexismus überhaupt sein soll, auf welch vielfältige Weise mein Weiß-sein mir das Leben erleichtert oder welche Vorteile ich durch meine Heterosexualität genieße. Ich hatte so viele leere Flecken auf der Landkarte „Awareness“, ich kann sie gar nicht zählen. Mit der Zeit wurden diese Bereiche weniger. Ich verstand mehr. Die Zusammenhänge, die Strukturen, wer auf welche Weise von Diskriminierung profitiert.

Viele Lektionen lernte ich durch die Fehler, die ich machte. Fehler im Umgang mit anderen, bei denen ich mich – natürlich! – zunächst im Recht sah und nicht die Notwendigkeit, mein Verhalten zu hinterfragen. Fehler, bei denen ich andere Menschen verletzte, ihnen Unrecht tat – und es oft erst viel später merkte. „Sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu werden, ist ein schmerzhafter Prozess!“ sage ich inzwischen oft, und ich sage es aus Erfahrung. Diese Art von Offenheit, die nötig ist, um Kritik zuzulassen, macht auf sehr persönlicher Ebene verletzlich. Wenn ich Fehler eingestehen muss, dann muss irgendwas an meinem Bild der Welt, meinen Werten, meinen Normen, falsch gewesen sein! An mir. Wer weiß, was dann noch alles falsch ist? Fehler machen und zugeben ist wohl niemandes Lieblingsbeschäftigung .

Umso wichtiger finde ich es als Person, die bereits einige Schritte auf dem Weg zu Awareness gegangen ist, offen für Kritik zu bleiben, und einen positiven Umgang mit Fehlern zu pflegen, bei mir selbst und, wenn die Kraft da ist, auch bei anderen.

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Feminist Fun: Wer blockt, verliert! /feminist-fun-wer-blockt-verliert/ /feminist-fun-wer-blockt-verliert/#respond Sat, 14 Jun 2014 07:05:50 +0000 /?p=964 Comic Wer blockt verliert

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Warum Ubisoft irrt: Spielbare weibliche Charaktere und das Märchen vom „Mehraufwand“ /warum-ubisoft-irrt-spielbare-weibliche-charaktere/ /warum-ubisoft-irrt-spielbare-weibliche-charaktere/#comments Wed, 11 Jun 2014 18:20:16 +0000 /?p=952 Continue reading Warum Ubisoft irrt: Spielbare weibliche Charaktere und das Märchen vom „Mehraufwand“ ]]> Konsolenspiel Soul Calibur II Ubisoft hat also nicht vor , einen spielbaren weiblichen Charakter in ihr neuestes Spiel der Assassin’s-Creed-Reihe einzufügen. Das ist bedauerlich. Nicht nur, weil so dem ohnehin vermutlich lauwarmen Aufguss eines alten Franchise die Chance genommen wird, wirklich so revolutionär zu sein, wie es sich gerne gibt . Sondern auch, weil wieder einmal Lügen erzählt werden, um unpopuläre (sic!) Entscheidungen zu rechtfertigen.

Das Märchen vom Mehraufwand

Ich habe eine Weile in einer Spieleschmiede gearbeitet. Das ist schon etwas her, aber allzu sehr dürften sich die Aufgaben nicht geändert haben: Sehr grob gesagt umfasst das Design die Gestaltung der Umgebung, der spielbaren Chars und der NSCs einschließlich der Texturen und der Animationen. Hinzu kommt natürlich die Programmierung der Welt an sich, wofür ich kein Fachmensch bin, die Story und damit einhergehend das Leveldesign.

Was hätte sich durch einen weiblichen Charakter geändert? Die Programmierung, einen der massivsten Batzen bei der Spieleentwicklung, hätte man wohl kaum angehen müssen. Die Grafik, nicht wahr? Denn Frauen sehen doch ganz anders aus, vor allem in Videospielen! Gut, schauen wir uns doch die Grafik an: Da haben wir Texturen für diverse Kostüme. Ja, die hätte man ändern müssen. Tiefe Ausschnitte müssten her. Das Kostüm müsste Bein zeigen. So will es die männliche Käuferschaft. Und warum nicht noch einige Arbeitstage darauf verwenden, die Brüste extra zu animieren ?

Und dann stellen sich unvermeidlich auch einige Fragen außerhalb der reinen Erscheinung. Könnte der weibliche Charakter die gleichen Waffen und Rüstungen tragen wie der männliche? Vermutlich nicht, Frauen sind doch schwächer als Männer. Dafür aber schneller, das weiß man doch. Also müsste man auch hier Anpassungen vornehmen. Und natürlich müsste ein weiblicher Charakter auch in den Bewegungen sexy sein. Die Hüften schwingen. Feminine Dinge in den Idle-Animationen machen, zum Beispiel sich gelangweilt die Fingernägel lackieren oder die Frisur richten…

Und das alles muss doch eine Menge Geld kosten!

Frauen, die Menschen sind

Und was, wenn das alles so nicht sein müsste? Was, wenn eine Frau, die ihr Leben mit dem Meucheln von Menschen zubringt, mit Kampf und Athletik, nicht ganz so sehr aussähe wie der feuchte Traum eines heterosexuellen Mannes , sondern wie ein sportlicher Mensch ? Was, wenn sie sich nicht bewegen würde wie eine Stripperin, sondern wie jemand, die gelernt hat, unauffällig zu sein, sich anzupassen? Was, wenn die Kostüme nicht erst von Fans in Fanblogs repariert werden müssten , weil sie dank ihrer Ausschnitte und sexy Gucklöcher als Rüstung vollständig dysfunktional sind? Was, wenn Frauen, analog zum berühmten Zitat von Rebecca West, radikalerweise nicht als weibliche Objekte, die besonders behandelt und ausstaffiert werden müssen, sondern als Menschen dargestellt würden? Nehmen wir das als Grundlage, ist eine Erweiterung um eine spielbare Protagonistin wesentlich weniger aufwändig, als uns die Spieleindustrie gern glauben machen will.

Dennoch: Trotz des widrigen Umstandes, dass Frauen nur 4% der spielbaren Charaktere ausmachen, stellen sie 45% der Spieler*innen . Und wir wären sicher noch begeisterter, könnten wir uns besser mit unseren Chars identifizieren. Ohne Sonderbehandlung als Ms. Male Character , ohne sexy Rüstungen, ohne Einschränkungen.

Wir wollen spielen!

Nachtrag vom 14.06.2014: Offenbar hat der Entwickler Jonathan Cooper, der selbst an einigen Ubisoft-Titeln mitgearbeitet hat, einiges zu der Behauptung seines Ex-Arbeitgebers zu sagen. Laut seinen Tweets gab es bereits spielbare Testversionen eines weiblichen Charakters in Assassin’s Creed Unity. Er fügt seiner Stellungnahme hinzu, dass nur wenige Schlüsselsequenzen ausgetauscht werden müssten, was einem Aufwand weniger Entwicklertage entspricht – eine geradezu lächerlich kleine Zeitspanne, verglichen mit der Gesamtentwicklungsdauer eines Spiels. Jonathan Cooper spricht auch an, dass das Modellieren und Voice Acting natürlich zusätzlichen zeitlichen Aufwand bedeutet hätten. Dass dies aber analog zur Gestaltung und dem Einsprechen von männlichen Charakteren zu sehen ist, ist klar.

Die ganze Geschichte, einschließlich der Tweets des Entwicklers, findet ihr in dem Artikel von The Mary Sue .

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Ein Jahr mit euch – Danke! /ein-jahr-mit-euch-danke/ /ein-jahr-mit-euch-danke/#respond Sun, 08 Jun 2014 08:30:15 +0000 /?p=948 Continue reading Ein Jahr mit euch – Danke! ]]> <3 Ein Jahr ist es jetzt her, dass unser Gemeinschaftsblog „Der k_eine Unterschied“ das Licht der Welt erblickte. Ein Jahr lang haben wir gemeinsam Beiträge geschrieben. Wir haben diskutiert, uns gestritten, uns gegenseitig Mut zugesprochen. Wir haben Artikel redigiert, Themen gesucht, Themen von der Welt aufgedrückt bekommen. Wir haben persönliche Geschichten geteilt und uns Gedanken gemacht über aktuelles Zeitgeschehen. Wir haben analysiert, auseinandergepflückt, waren kritisch, zynisch, und manchmal waren wir auch lustig.

Und das alles waren wir gemeinsam. Zusammen.

Wir.

Darum möchte ich heute Danke sagen. Danke, liebstes und bestes Blogteam der Welt! Danke, Bones, danke Tugendfurie, danke Weird und Wildfang! Es ist eine Ehre und Freude, mit euch gemeinsam darüber zu schreiben, was uns gemeinsam bewegt.

Und danke auch euch, liebe Menschen, die uns lesen, die uns auf Twitter und Facebook teilen, auf ihren eigenen Blogs verlinken, unsere Texte diskutieren!

Danke für dieses Jahr!

<3

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Ein Gedicht: Glücksgefühl /ein-gedicht-gluecksgefuehl/ /ein-gedicht-gluecksgefuehl/#respond Wed, 28 May 2014 17:25:16 +0000 /?p=815 Continue reading Ein Gedicht: Glücksgefühl ]]> Sie redet nicht gern mit den Schmuddelkindern,
ganz schmutzig und hässlich sind die.
Erst wenn sie sich gewaschen haben,
erst dann beachtet sie sie.

Die Themen von den Schmuddelkindern,
das sind ja ihre so garnicht.
Armut, Arbeit, Angst und Wut,
dabei ruht sie so glücklich in sich!

Die wütenden, tobenden Schmuddelkinder,
mit denen mag sie nicht streiten.
Die haben gar keine Argumente,
die haben nur ihr Leiden.

Nur manchmal denkt sie an die Schmuddelkinder,
und bedauert die armen ein Stück!
Zum Bedauern, da muss man nichts ändern,
vor allem sich selbst nicht, zum Glück.

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Feminist Fun: Wie Privilegien funktionieren /feminist-fun-wie-privilegien-funktionieren/ /feminist-fun-wie-privilegien-funktionieren/#respond Fri, 11 Apr 2014 09:46:53 +0000 /?p=790 Wie Privilegien funktionieren

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