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Tuğçe Albarak – von Zivilcourage und struktureller Gewalt

Tuğçe Albarak – von Zivilcourage und struktureller Gewalt published on 1 Kommentar zu Tuğçe Albarak – von Zivilcourage und struktureller Gewalt

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Tuğçe Albayrak starb an ihrem 23. Geburtstag, weil sie eingriff, als zwei Mädchen von Typen belästigt wurden und in der Folge selbst angegriffen wurde. Ihr Tod wird weltweit betrauert und die Respektsbekundungen sind zu recht groß.
Tuğçe griff in einer Situation ein, die auch für sie selbst Gefahr bedeutete – nicht immer ist Eingreifen so risikoreich, doch immer ist Eingreifen wichtig. Die Medien nehmen das zum Anlass, dem Thema Zivilcourage wieder verstärkte Bedeutung zuzurechnen.

Doch wenn wir den Tod von Tuğçe nur im Zusammenhang mit Zivilcourage betrachten, bleibt uns ein wichtiges Problem verborgen: das der strukturellen Gewalt gegen Frauen aufgrund von männlichem Anspruchsdenken. Zu lesen ist wieder von “Schlägertypen”, “jugendlichen Straftätern” oder auch “Ausländergewalt” (die dann gegen Tuğçes Migrationshintergrund aufgerechnet wird). Nicht benannt wird misogyne Gewalt: Die Person, die für den Tod der jungen Studentin verantwortlich ist, hat mit einigen anderen zusammen zuvor Mädchen auf einer öffentlichen Toilette belästigt.
Jungs und Männer, die Mädchen und Frauen belästigen, sind Alltag. Die patriarchale Struktur unserer Gesellschaft ermöglicht ihnen das und sie ermöglicht auch, dass dem Thema viel zu wenig Bedeutung beikommt. Problematisieren zu müssen, dass Übergriffe und Übergriffigkeit nicht auf böse, arme, nicht-weiße Kriminelle abgeschoben werden können, würde die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Ein strukturelles Problem einzugestehen, zu beleuchten und Konsequenzen daraus zu ziehen, täte weh. Es wäre nämlich nicht damit getan, sich auf Einzelfälle zu stürzen.

Wer in den letzten Wochen die verstärkte Diskussion um Pick Up verfolgt hat, konnte auch hier genau das beobachten: Julien Blanc, der aufgrund gewaltverherrlichender Videos sehr begründeten Protest auslöste, wurde zum Vertreter einer ganzen Bewegung. Doch auch ohne den Aufruf zu körperlicher Gewalt können viele der Techniken von Pick Up “Artists” als gewaltsam bezeichnet werden. Rücksichtslos wird sich über den Willen von Frauen und von ihnen gesetzte Grenzen hinweg gesetzt, um sie ins Bett zu kriegen. Was hier gelehrt wird, legt den Grundstein für gewaltvolle Beziehungen und sexualisierte Übergriffe. Männer, die Pick Up betreiben, haben das Ziel, besonders viele Frauen in kurzer Zeit ins Bett zu kriegen. Sie gehen davon aus, dass Frauen viel zu selbstbewusst geworden seien und Männer dahinter zurück stehen. In ihren Augen steht ihnen Sex mit Frauen zu, Frauen sind aber so bösartig, dass sie ihnen den nicht gönnen und vorenthalten. Allein diese sexistische Anspruchshaltung und der Heterozentrismus, der damit einher geht, sind Grund, sich aufzuregen. Keine Frau schuldet einem Mann Aufmerksamkeit, Sex oder gar Liebe – und sei er noch so ein Nice Guy.
Pick Up ist Industrie gewordene Manifestation der Rape Culture, in der wir leben. Der Begriff Rape Culture meint im Wesentlichen, dass in einer Gesellschaft sexualisierte Gewalt oft vorkommt, aber von vielen Menschen nicht als solche benannt oder gar erkannt wird. Rape Culture zeigt sich in den Vergewaltigungsmythen, die letztlich immer den Opfern die Schuld zuschieben, und in der Verharmlosung von Übergriffigkeit. Täter werden dadurch geschützt und Taten herunter gespielt.

Letztlich bleibt es dabei, dass einzelne Menschen als mutig gelten und posthum ausgezeichnet werden, wenn sie dafür sorgen (möchten), dass Frauen unbelästigt durchs Leben gehen. Wer ein sicheres Leben für sich und andere möchte, darf nicht mutig sein müssen. Sogar Bundespräsident Gauck äußerte sich zu Tuğçes Zivilcourage und ihrem traurigen Tod, eine Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen forderte er hingegen nicht.
Wir müssen darüber reden, welche Strukturen es sind, die ein Klima der Gewalt ermöglichen, nicht so sehr darüber, wie dem im Einzelfall begegnet werden kann. Vor dem Hintergrund, dass Street Harassment und Pick Up in unserer Gesellschaft als „normal“ gelten, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um patriarchale Gewaltstrukturen handelt. Natürlich wünschen wir uns eine Gesellschaft, in der Menschen sich mutig Diskriminierung und Gewalt entgegenstellen. Doch vor allem wünschen wir uns eine Gesellschaft, die Gewaltstrukturen erkennt und das Problem an der Wurzel packt.

EDIT: @dieryane (via @samiaalthar) wies auf Twitter darauf hin, dass es einen guten Artikel u.a. zum Thema Rassismus bezogen auf den Fall Tuğçe gibt, den ich hier also ergänzen will.

1 Kommentar

Ohne jetzt derailen zu wollen – es scheint mir hierzulande generell ein Problem zu sein, dass gesellschaftliche Missstände immer als Einzelfälle deklariert werden. Die Liste ist lang: Rechtsextremismus, Polizeibrutalität, Justizskandale, Missmanagement, politisches und behördliches Versagen, …

Gesellschaftliche Missstände anzuprangern gilt heute als Populismus, Fehler einzugestehen als Schwäche. Vor diesem Kontext erzürnen mich dann Aussagen von Politikern, die persönliches Engagement jedes Einzelnen fordern, ohne die Grundlagen dafür zu schaffen. Beste Beispiele sind eben Zivilcourage (vor dem Hintergrund überlasteter Polizeidienststellen) oder die aktuelle private Flüchtlings“vorsorge“ (wo Länder seit Jahren keine Quartiere schaffen).

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