Skip to content

Bitte recht natürlich!

Bitte recht natürlich! published on 12 Kommentare zu Bitte recht natürlich!

strawberries_sml

Immer wieder höre ich in Diskussionen irgendwo im Gebiet Feminismus das Argument: “Das ist doch nicht natürlich!” Oder, in der die eigene Argumentationslinie stützenden Variante: “Das ist eben natürlich!” Gerade neulich bin ich dem Argument wieder begegnet, als es ums Stillen ging: Stillen, ja, das ist natürlich! Und damit gut. Und Flaschennahrung ist unnatürlich. Und somit schlecht.
Interessant ist es schon, dieses Argument der Natürlichkeit. Denn wir als menschliche Spezies sind eigentlich nicht unbedingt für unsere Nähe zur Natur bekannt, eher das Gegenteil ist der Fall: Wir grenzen uns gerade durch unsere zivilisatorischen Errungenschaften von der Tierwelt ab.

Denken wir das fertig

Aber lassen wir das Argument zu: Natürlichkeit ist Unnatürlichkeit vorzuziehen. Wenn wir diesen Schritt machen, müssen wir allerdings auch betrachten, welche anderen Bereiche von unnatürlichen Veränderungen berührt sind.
Beginnen wir mit den vergleichsweise modernen Erfolgen unserer Zivilisation: Wir müssten ein Leben ohne Strom führen, ohne fließendes Wasser und ohne moderne Medizin. Antibiotika zählen dazu ebenso wie moderne Operationen, von Zahnersatz über die Entfernung der Galle bis hin zum Kaiserschnitt. Und wenn wir schon dabei sind: Zahnpflege generell ist ebenfalls eine vergleichsweise neumodische Erfindung, die wir keinesfalls als natürlich einordnen können.
Selbstverständlich müssten wir auch unsere Ernährung natürlicher gestalten. Ich spreche hier nicht von dieser Paläo-Diät, die sich gern an eingeflogenen exotischen Früchten (Avocados, anyone?), durch Kreuzung und Selektion optimiertem Gemüse oder gar Fleisch bedient. Nein, ich spreche davon, was jeder von uns als einzelner Mensch, ganz ohne unnatürliche Zivilisation, Ackerbau oder Jagdgemeinschaft an lokal vorhandenen Dingen essen kann. Da bleibt nicht viel übrig. Nicht umsonst betrug die durchschnittliche Lebenserwartung im Paläolithikum magere 33 Jahre, bevor sie vermutlich dank von Vieh übertragenen Krankheiten, Mord und Totschlag nach der neolithischen Revolution auf nur noch 20 Jahre sank.
Und dabei lebte der Mensch im Neolithikum bereits keineswegs mehr ganz natürlich. Schon hier existierten zivilisatorische Strukturen, Werkzeuge, ach, und unnatürliche Sprache.
Teufelszeug.

Wie natürlich ist Heteronormativität?

Auch in Sachen sexueller Identität und Orientierung erfreut sich das Natürlichkeitsargument großer Beliebtheit: Genau eine Paarung wird als “natürlich” proklamiert, die monogame Verbindung zwischen einem Cis-Mann und einer Cis-Frau. Aber wie natürlich ist diese Natürlichkeit, wenn wir einmal genauer hinschauen? Es gibt massenhafte Belege für Homo- und Bisexualität bei Tieren, so dass ich an dieser Stelle auf einige Überblicksartikel zu dem Thema verweisen möchte. Laut Wikipedia ist Homosexualität bei rund 1500 Tierarten nachgewiesen. Und was ist natürlicher, als das natürliche Verhalten natürlicher Tiere in der Natur?
Und auch unsere traditionellen Geschlechterrollen, die einige Menschen bereitwillig als natürlich voraussetzen, wackeln stark. Denn bei genauer Betrachtung schält sich heraus, dass die historische Zuweisung von Menschen zu Geschlechterrollen an sich nicht so simpel ist, wie manche Historiker*innen und Archäolog*innen das in der Vergangenheit gern dargestellt haben.

Ein anderer Argumentationszweig befasst sich mit der Natürlichkeit von Sex zum Zweck der Fortpflanzung. Natürlich ist demnach, was Kinder zeugen kann.
Interessanterweise höre ich dieses Argument oft von sexuell aktiven Heterosexuellen, bei denen ich davon ausgehe, dass ihre Kinderlosigkeit bewusst herbeigeführt ist, sprich: auf unnatürlichen Verhütungsmitteln basiert. Sex, der allein dem Spaß dient statt unserer Fortpflanzung, ist in logischer Konsequenz dieses Arguments unnatürlich. Genau wie Partner*innenschaften von Menschen, die keine Kinder zeugen können. Heißt das, dass unfruchtbare Menschen nur unnatürlichen Sex haben können? Und dürfen sie Sex haben, wenn er doch keine Kinder hervorbringen kann?
Und wie sieht es bei Sex im Alter aus, kann der noch als natürlich gelten, wenn aus dem Geschlechtsakt keine Kinder entspringen können?

Natürlichkeit als Ergebnis von Interpretation

Wenn wir hier noch einen Schritt weiter denken, stoßen wir auf die nächste Frage: Wie natürlich kann unsere binäre Geschlechtszuweisung überhaupt sein, wenn es eine Vielzahl von chromosomalen, gonadalen, hormonellen oder anatomischen Merkmalen gibt, entlang derer wir Geschlecht erst definieren müssen? Wie viele Geschlechter bekommen wir, wenn wir auch nur einige dieser Faktoren durchvariieren? Erweitern wir dies noch um den ethnologischen Blick auf Kulturen, die selbstverständlich mehr als zwei Geschlechter kennen oder andere Zuordnungen zu Geschlechtern leben, stellt sich schnell die Frage, ob wir durch die Masse der heteronormativen, binärgeschlechtlichen Darstellung in unserem Kulturkreis zwangsläufig von Natürlichkeit sprechen dürfen.

wallberry_sml

Was bleibt also übrig von der heraufbeschworenen Natürlichkeit? Wenn wir konsequent sind: Nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die “natürliche Geschlechterrollen”, “natürliche Sexualität” oder “natürliche Babyernährung” fordern, Natürlichkeit in der letzten Konsequenz wollen würden.
Womit das Argument beliebig wird: Wenn jede*r frei definieren kann, was natürlich ist und was nicht, haben wir es nicht mehr mit einem Argument zu tun, sondern bestenfalls mit einer polemischen Floskel, die dann verwendet wird, wenn gerade ein Totschlagargument fehlt.

Ich für meinen Teil lasse mein Verhalten nicht in den Kategorien “natürlich vs. unnatürlich” bewerten. Ihr seht ja, wo das hinführt!

tl;dr: Bei “Natürlichkeit” handelt es sich um ein Pseudoargument, das die Nutzenden so verwenden, wie es ihnen in den Kram passt. Es ist ungültig.

12 Kommentare

Ist Zivilisation und Natürlichkeit wirklich im Widerspruch? Wenn man „Zivilisation“ als evolutionäre „Abstrahierung der Welt und Anwendung der sich daraus ergebenden ‚Regeln'“ begreift, die sich zuerst in Höhlenmalerei manifestierte (übrigens geschaffen von Frauen: http://www.smithsonianmag.com/smart-news/ancient-women-artists-may-be-responsible-for-most-cave-art-1094929/?no-ist), löst sich der Widerspruch auf und die von Dir genannten Beispiele (Homosexualität bei Tieren zB., aber auch GQ und wahrscheinlich vieles mehr) lassen sich perfekt mit „natürlich“ verargumentieren. Oder? 😉

Über diesen Punkt habe ich gestern Abend noch lange auf Twitter diskutiert. Ich denke, mein Argument lässt sich so zusammenfassen: Natur und Kultur / Zivilisation werden im Sinne derer, die das Argument der Natürlichkeit vorbringen, als Gegensatzpaar behandelt. Sie verurteilen damit im Rahmen von Kultur entstandene Errungenschaften wie künstliche Babymilch („Stillen ist natürlich!“) oder Impfungen („Der Körper wehrt sich bei Krankheit auf natürliche Weise!“). Wenn das Argument in diesem Sinne verwendet wird, müssen wir alle zivilisatorischen Fortschritte als unnatürlich brandmarken und uns auf die Stufe von Tieren begeben.

Aber auch eine andere Argumentationslinie könnte ich bedienen, die des kritischen Empirismus nach Karl Popper. Danach ist die Nicht-Beobachtung einer Sache kein hinreichender Beleg für ihre Nicht-Existenz. Wir können menschliche Gruppen nicht ohne unethischste Experiment ohne erlernte Kultur beobachten. Hier liegt meiner Ansicht nach das Problem: Kultur wird erlernt. Es gibt natürlich Einzelfälle, in denen Kinder ohne Kontakt zu Kultur aufgewachsen sind. Sie zeigen keine Kulturzeichen, können nicht sprechen und zeigen insgesamt ein eher „tierähnliches“ Verhalten. Und da wir keine unethischen Experimente machen, bei denen wir ganze Gruppen von Kindern unter wissenschaftlichen Bedingungen als Gruppe aussetzen und schauen, ob sie eine Art von Kultur entwickeln, können wir das leider / zum Glück nicht überprüfen.
Die Tatsache, dass so gut wie alle Menschen, die wir kennen, in Kultur eingebettet leben, belegt nicht, dass Kultur dem Menschen an sich innewohnt. Wenn wir davon ausgehen, dass Kultur erlernt ist und Kulturen auseinander hervorgegangen sind und sich beeinflusst haben, wie man annehmen kann, kann das Argument allein auf dieser Grundlage nicht gehalten werden.

Ich persönlich ziehe die erste Argumentationslinie vor. Da muss ich den kritischen Empirismus nicht erklären und verwende das Argument der Natürlichkeit so, wie es mein Gegenüber sehr wahrscheinlich beabsichtigt hat. 🙂

Guter Einwand, dankeschön! So wirklich überzeugt bin ich aber nicht, auch nicht von der Popper-Logik in diesem Fall 😉

Ist es nicht eher so, dass man zwar „nie“ bei *einzeln* von Zivilisation abgeschnitten aufgewachsener Kids keine Kulturzeichen erkennen kann, dafür aber praktisch „immer“ bei von Zivilisation abgeschnitten aufgewachsenen *Gruppen*? Könnte man also nicht sagen, dass Kultur im Menschen vielleicht nicht genetisch abgebildet ist („hardwired“), dafür aber in neuronalen Strukturen des Sozialverhaltens, dass erst dann aktiviert wird, wenn Mensch… naja, eben: sozial agiert? Hmm…

Hello again,
Naja, meines Wissens gibt es keinen Beleg für wirklich von der Zivilisation abgeschnittene Gruppen. Irgendwie zählt es ja nicht so richtig, wenn die Gruppe bereits voll sozialisiert abgeschnitten wird… Man müsste also im Prinzip eine Gruppe von unsozialisierten Kindern irgendwo in der Wildnis aussetzen und warten, ob sie oder folgende Generationen eine Form von Kultur entwickeln. Und das ist ethisch einfach absolut nicht drin. 🙂
Das ist ja auch das Dilemma der ganzen Nature-Nurture-Debatte…

Normal ist für mich, das normal für jeden as anderes sein kann.

Danke für diesen Beitrag, aber eigentlich ging es um Natürlichkeit. 😉

Obwohl ich schon denke, dass Sätze wie „Das ist doch nicht normal!“ oft gemeint sind als „Das ist doch unnatürlich! Ergo sollte es das nicht geben.“ Aber es ein Unterschied.

Da das ja ohnehin ein Wortklauberei-Artikel war, ganz kurz zum Normalitätsbegriff: Der basiert ja auf der Norm, also dem Durchschnitt, der Mehrheit. Die Argumentationslinie, um diesen Quark zu entkräften, müsste sich also damit auseinander setzen und damit komplett anders verlaufen.
Darum war ich von der Wortwahl im Kommentar zumindest mal… irritiert.

Ist auch immer wieder interessant, wann mit Natürlichkeit argumentiert wird. Da sprechen Männer von der einzigen natürlichen Beziehungsform, also Vater, Mutter, Kind, wobei sie selbst diese nicht leben, stattdessen Mann, Geliebte, zweite Geliebte, keine Kinder.

Oder natürliche Muttermilch: klares Pro, aber lasst bloß nicht eure natürlichen Haare wachsen…

Die Scheinheiligkeit mit der diese Argumentation genutzt wird, um Gruppen zu marginalisieren, weil es scheinbar zwei Formen von Natürlichkeit gibt, also die erlaubte und die nicht erlaubte, so wie es gerade passt.

Damit macht man sich seine eigene Welt unendlich klein.
Besser: Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlichen Kombinationen 🙂 Vielfalt macht die Welt bunter.

Ich wollte einfach nur danke sagen. Freut dich ja vielleicht auch mal zu lesen 😉
Inhaltlich habe ich dem nämlich nichts hinzuzufügen, ich stimme einfach nur überein mit dem Geschriebenem. Und ich habe jetzt endlich einen Link, den ich den Menschen geben kann, die meinen mein Verhalten in gewissen Situationen als unnatürlich und damit falsch abzustempeln. Vielleicht/Hoffentlich verkürzt dein Text viele unfruchtbare Diskussionen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Primary Sidebar