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Hegemoniale Männlichkeit – oder: Dürfen Frauen zurückschlagen?

Hegemoniale Männlichkeit – oder: Dürfen Frauen zurückschlagen? published on

Fast jede_R kennt das: Macker/WHMs (weiße heterosexuelle cis-Männer) machen Witze und Sprüche, die Frauen oder Minderheiten beleidigen, erniedrigen oder ihnen sogar Gewalt androhen. Dazu gehören z.B. rape jokes sowie die dazugehörigen T-Shirts; auch in Filmen etc. werden Frauen als Gewaltopfer ästhetisiert dargestellt. Werden die WHMs dann von einer betroffenen Person darauf hingewiesen, dass das nicht witzig ist, sondern eine Verharmlosung von Gewalt, reagieren sie nicht etwa mit einer Entschuldigung, sondern mit Unverständnis und unterstellen Humorlosigkeit.

Doch Gewalt erzeugt Gegengewalt. Vor ein paar Tagen twitterte @Tofutastisch ein Bild von ihrem selbstgemachten T-Shirt mit dem Spruch „Macker gibt‘s in jeder Stadt – bildet Banden, macht sie platt.“ Und über sie brach ein Shitstorm herein. (Der genaue Hergang ist hier nachzulesen) Ist also einmal nicht die Frau die bedrohte, sondern es wird von ihr eine mögliche Gewaltausübung an Männern* auch nur in den Raum gestellt, ist die Kacke am Dampfen: Wie kann sie sich anmaßen, Gewalt an Privilegierten verüben zu wollen! Diese Furie!

Lagertha/Lathgertha (Shildmaiden) By Morris Meredith Williams (1881-1973) [Public domain], via Wikimedia Commons
Lagertha/Lathgertha (Shildmaiden) By Morris Meredith Williams (1881-1973) [Public domain], via Wikimedia Commons
Was von den Shitstormern aber als erstgemeinter Aufruf zur Hatz auf Männer* interpretiert wird (ja, auch Vergleiche zum Holocaust wurden gezogen), ist nur ein „Zurückschlagen“ mit dem Mittel der Ironie bzw. der Umkehrung – ein Akt der Selbstermächtigung, denn schließlich will eins sich auch mal zur Wehr setzen und angestaute Aggressionen abbauen. Die Ironie des T-Shirt-Spruchs zeigt sich bereits durch die Wortwahl: Die Rede war explizit nicht von Männern*, sondern eben von Mackern – also einem bestimmten Typ Mann mit entsprechender Attitüde. Es wird also zum Gegenschlag gegen diejenigen aufgerufen, die beständig – verbal oder auch physisch – Gewalt gegen Frauen ausüben. Durch die strukturelle Ungleichheit ist das aber keine wirklich ernstzunehmende Drohung, denn wer würde sich denn nun wirklich einen Frauenschlägertrupp vorstellen, der marodierend durch die Straßen zieht und Macker vor sich hertreibt?

An diesem Beispiel wird deutlich, wie hegemoniale Männlichkeit funktioniert: WHMs geben mit ihrer Deutungshoheit vor, was als Gewaltandrohung gilt und was nicht. Zu beachten ist hierbei, dass diese optionale Androhung von Gewalt nicht nur Frauen trifft, sondern auch unterschiedliche Konzepte von Männlichkeit existieren, die in einer Hierarchie zueinander stehen: Als un-männlich geltende Männer (z.B. Schwule oder Feministen) stören die Geschlechterdichotomie, da sie angeblich effeminiert bzw. weibisch sind oder gar unter der Fuchtel von Frauen stehen.

Die Vormachtstellung der tonangebenden Männlichkeitskonzepte wird durch permanente Gewaltandrohung aufrechterhalten: Benimm dich so, wie man es von dir erwartet, dann bekommst du auch nichts auf die Schnauze, dann wirst du nicht vergewaltigt etc. Das läuft ziemlich unterschwellig ab, vergiftet aber unsere Gesellschaft. Wird der Spieß umgedreht, offenbart sich: Es ist Gewalt, anderen Gewalt anzudrohen, denn sonst würden sich die Maskulisten darüber nicht so aufregen. Und es wird offensichtlich, dass sie nicht so „männlich“ und hart sind, wie sie tun – denn sonst würden sie ohne mit der Wimper zu zucken aushalten, was für viele Frauen und Minoritäten der normale Alltag ist: Unter der permanenten Androhung von Gewalt leben und es einfach aushalten müssen, weil dir der Mund verboten wird mit einem einfachen: „War doch nur ein Witz! Jetzt hab dich doch nicht so!“

Männlichkeitsritual

Lesetipp (auch für Maskulisten und Anti-Feminist_innen):
Robert Connell: Masculinities, Berkley/L.A. 2005.

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